Naiver Vorstoß

Kommentar zu "Gratis-Tickets im Nahverkehr"

Ist das noch Krisendiplomatie oder schon die nackte Verzweiflung? Das Schreiben der drei Bundesminister an EU-Umweltkommissar Karmenu Vella zeigt jedenfalls, wie ernst die Lage – beziehungsweise wie dick die Luft in den deutschen Städten – mittlerweile ist. Von Carsten Müller

Und es ist ein Beleg für die Hilf- und Ideenlosigkeit der Politik, die drängende Fragen der Mobilität nicht rechtzeitig und entschieden genug anpackt, stattdessen darauf vertraut, dass man es mit reichlich Steuergeld schon wird richten können.

Nichts gegen den öffentlichen Personennahverkehr: Eine Erhöhung der Nutzerzahlen von Bus und Bahn ist wünschenswert, zumal in den Randgebieten der Ballungsräume, wo viele Pendler auf das Auto setzen müssen, weil der ÖPNV keine ernst zu nehmende Alternative bietet.

Betrachtet man aber die Situation im Rhein-Main-Gebiet, wirkt der Vorstoß aus Berlin geradezu naiv. Gratis-Tickets würden der mit Stickoxiden über die zulässigen Grenzwerte hinaus belasteten Region kaum helfen. Schon deshalb, weil der ÖPNV aus Kapazitätsgründen gar nicht in der Lage wäre, sprunghaft steigende Nutzerzahlen zu bewältigen. Es wäre zudem ein kostspieliges Unterfangen: Jahr für Jahr müssten allein im Einzugsgebiet des RMV insgesamt 1,5 Milliarden Euro aufgewendet werden, um das Angebot auf dem aktuellen Stand zu halten – darin sind allerdings schon jetzt Steuermittel von Land, Bund und den als Gesellschafter beteiligten Kommunen enthalten.

Freilich muss etwas geschehen, um Fahrverbote in den Städten zu verhindern, die vor allem jene träfen, die sich kein neues Auto leisten können. In der Koalitionsvereinbarung ist die Rede von Elektromobilität, doch beim Aufbau einer Infrastruktur kommt man nicht entscheidend voran. Erwähnt wird dort auch die Förderung von effizienteren und sauberen Verbrennungsmotoren inklusive Nachrüstungen. Man darf gespannt sein, wer für Letzteres zur Kasse gebeten wird.

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