Die Kunst des Löcherstopfens

Kommentar: Lorz bei der Lehrersuche erfinderisch

Auf dem Beipackzettel folgender von Kultusminister Alexander Lorz verabreichten Beruhigungspille war vor einem Monat zu lesen: „Hessen hat den vorhergesagten Lehrermangel an Grundschulen allmählich im Griff. Die Unterrichtsversorgung sei aber an jeder einzelnen Schule sichergestellt.“ Von Frank Pröse

Mit dem Alltag an vielen Grundschulen vor allem im Rhein-Main-Gebiet hat diese Feststellung nicht viel zu tun. Zu oft kann nicht einmal Regelunterricht garantiert werden. Für die Kür, die Arbeit mit sozial auffälligen, nicht deutsch sprechenden oder behinderten Kindern fehlt das entsprechend ausgebildete Personal, was sich ebenfalls belastend auf den Unterricht auswirkt. Die Statistik des Ministers steht auf dem Papier, spiegelt die Realität aber nicht wider, offenbar auch, weil Langzeitkrankheiten, Mutterschaften oder Elternzeiten nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Geld und Stellen seien nicht das Problem, behauptet Lorz immer wieder. Es sei vielmehr schwierig, Personal zu finden. Der Minister verweist bei der Gelegenheit gerne darauf, dass die Aufnahme von 38 000 Flüchtlingskindern binnen zwei Jahren, aber auch die steigenden Geburtenzahlen sowie die Zuwanderung aus der EU nicht in diesem Ausmaß vorauszusehen gewesen seien. Das mag zum Teil der Wahrheit entsprechen. Gleichwohl ist der Lehrkräftebedarf an Grundschulen nicht erst durch die Zuwanderung akut geworden. Es ist schlicht versäumt worden, frühzeitig die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften auszubauen. Schließlich ist es nicht neu, dass die Geburtenzahlen in Hessen steigen. Auch die Anzahl der Lehrkräfte, die in Pension gehen, ist bekannt.

Nur durch eine deutliche Erhöhung der Ausbildungskapazitäten können überhaupt wieder genug Grundschullehrkräfte ausgebildet werden. Das dauert. Deshalb wird herumgedoktert, mit fachfremdem Personal als „Assistenzkräften“ , mit reaktivierten Pensionären, mit anderen qualifizierten Lehrkräften, die keine Stelle ihrer Ausbildung gemäß bekommen haben, oder eben mit Studenten anderer Lehrämter, mit denen der Minister die Löcher stopfen will. All diesen Not-Maßnahmen gemein ist: So richtig funktionieren sie nicht, was sich dann an größeren Gruppen und damit schlechteren Lern- und Arbeitsbedingungen festmachen lässt.

Benötigt wird eine nachhaltige Strategie zur Gewinnung von qualifizierten Lehrkräften. Dafür müssen die Studienplätze ausgebaut und zur Attraktivitätssteigerung des Berufs die Besoldung angehoben werden. Letzteres haben die aktiven Grundschullehrer allemal verdient angesichts der ihnen von Gesellschaft und Eltern übergestülpten zusätzlichen Erziehungsaufgaben.

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