Das Scheitern einer Idee

Kommentar zu: Thorsten Schäfer-Gümbel schmeißt hin

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Thorsten Schäfer-Gümbel zieht sich aus Politik zurück

„Die Sonne scheint, das wird ein guter Tag!“ Mit diesen Worten begrüßte Thorsten Schäfer-Gümbel gestern um 9 Minuten vor 8 Uhr seine Follower auf Twitter. Da wusste er mit Sicherheit, wie gut genau dieser Dienstag werden würde.

Der Rest der Hessen wusste es fünf Stunden später: Schäfer-Gümbel verlässt die politische Bühne. Das Datum steht für eine Zäsur in der politischen Entwicklung des Bundeslandes.

Der nicht überraschende Rückzug des langjährigen Spitzenkandidaten der SPD und Parteichefs mag für ihn selbst einen erlösenden Schlusspunkt unter seine Karriere als Berufspolitiker setzen. Der Spitzenposten bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit soll mit einem Jahresgehalt von 200 000 Euro dotiert sein. Das ist nett für eine Aufgabe, zu der sich Schäfer-Gümbel nach eigenen Angaben ohnehin berufen fühlt.

Für Hessen jedoch bedeutet das Aufgeben des 49-Jährigen nach zehn Jahren unermüdlichen Kampfs um die Rückeroberung der seit 20 Jahren von der CDU okkupierten Staatskanzlei das krachende Scheitern eines Konzepts.

Der Versuch, die bürgerlich-grüne Bastion von Bouffier und Al-Wazir mit rotgetönten Alternativen anzugreifen, ist misslungen. Die Rahmendaten in unserem Bundesland werden von der Mehrheit der Bürger offensichtlich noch immer als so gemütlich wahrgenommen, dass man einen Wechsel in der früheren SPD-Hochburg eher nicht riskieren möchte.

Gescheitert sind aber nicht nur Mensch und Idee. Schäfer-Gümbel stand für eine angenehme Art des Auftretens, auch wenn man seine Meinung nicht teilte. Geprägt war es durch unaufgeregte Analyse, Fairness, Sachkenntnis und die Abwesenheit von Populismus. Doch auch diese Kultur verfing nicht beim Wähler.

Das Scheitern der Sozialdemokraten bei der Landtagswahl am 28. Oktober habe ihn in einer „unfassbaren Leere“ zurückgelassen, sagte TSG im November. Er keilte aus gegen die Parteispitze in Berlin, der er grobe Fehler und inhaltliche Beliebigkeit anlastete. Auch dieser Gegenwind ließ ihn scheitern. Für einen vierten Anlauf fehlte die Kraft.

Die hessische SPD muss sich nun mit der Frage herumschlagen, wie man die Leerstelle füllen kann. Schnelle Antworten sind wichtig. Am Ende muss die klare Verortung links der Mitte stehen. Geschieht dies nicht, symbolisiert der Abgang Schäfer-Gümbels nur eine weitere Station auf der Reise der SPD in die Bedeutungslosigkeit.

Von Michael Eschenauer

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