„Größter Teil kommunalfinanziert“

Thermen und Bäder: Ein kostspieliges Freizeitvergnügen

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Frankfurt/Bad Vilbel - Größer, schöner, wärmer: Viele Familienausflüge führen nicht mehr ins Hallenbad um die Ecke, sondern in schicke Thermen. Vielerorts in Hessen gibt es auch Kombi-Bäder, die Sportschwimmen und Wellness unter einem Dach vereinen. Trotz ihrer Beliebtheit und teils saftiger Eintrittspreise ist eine solche Anlage kein wirtschaftlicher Selbstläufer – im Gegenteil.

„Eine Therme gewinnbringend zu betreiben, ist eine große Herausforderung“, sagt Almut Boller vom hessischen Heilbäderverband. Angesichts hoher Bau- und Betriebskosten könnten drei Tage ohne Betrieb – etwa wegen eines Unwetters – die Jahresbilanz nach unten ziehen. Sie kenne nicht viele gewinnbringende Beispiele, sagt Boller. „In Hessen ist der größte Teil der Thermen kommunalfinanziert.“ Das heißt: Städte und Gemeinden bezuschussen den Betrieb. Allen Schwierigkeiten zum Trotz sollen beispielsweise im Rhein-Main-Gebiet derzeit gleich mehrere neue Thermen entstehen. Weit fortgeschritten sind die Planungen für ein Kombi-Bad in Bad Vilbel nördlich von Frankfurt. Nach Angaben des Investors, der Unternehmensgruppe Wund, sollen 200 Millionen Euro in das neue „Tropenparadies“ fließen. Eigentlich sollten im Frühjahr die Bauarbeiten beginnen – doch ein tragisches Unglück brachte die Pläne ins Stocken.

Nur wenige Tage nach der feierlichen Übergabe der Baugenehmigung in Bad Vilbel war der 79-jährige Investor Josef Wund Mitte Dezember bei einem Flugzeugabsturz gestorben. Wie berichtet, war ein Kleinflugzeug mit drei Menschen an Bord in Egelsbach gestartet und über einem Wald bei Waldburg abgestürzt. Unter den Opfern waren auch der Pilot und der Co-Pilot. Vor der Testamentseröffnung seien keine verbindlichen Aussagen zum Fortgang des Projektes möglich, teilt Peter Häusler von Wund mit.

Nach den Worten von Klaus Minkel, Werkleiter der Bad Vilbeler Stadtwerke, ist der Thermen-Neubau nicht gefährdet. Das Erbe fließe in eine Stiftung, und diese sei erst nach der Testamentseröffnung handlungsfähig. Laut Minkel sind auf dem 15 Hektar großen Areal unter anderem ein Sportbad, ein Hotel und eine Therme mit 15 Saunen und 28 Rutschen geplant. Die Stadt Bad Vilbel setzt auf Synergie-Effekte: Sie steuert nach Angaben eines Sprechers 25 Millionen Euro für Parkhaus und Sportbad bei – und will sich so auf Dauer das Zuschussgeschäft eines städtischen Hallenbads ersparen. Zudem stelle die Stadt das Grundstück zur Verfügung, sagt Minkel. Wund sei eines der ganz wenigen Unternehmen, die es schafften, Bäder profitabel zu betreiben.

So soll die 200 Millionen Euro teure Therme in Bad Vilbel einmal aussehen.

Dass Thermen in Hessen fast immer ein Zuschussgeschäft sind, davon ist Werner Wicker, unter anderem Betreiber der Taunus-Therme in Bad Homburg, überzeugt. In Südhessen gebe es sogar eine „übergroße Konkurrenzsituation“. Eine neue Therme in der Größenordnung wie in Bad Vilbel werde „zweifellos zur weiteren wirtschaftlichen Verschlechterung in der Thermen- und Bäderlandschaft führen“, mahnt er. Wicker bezweifelt, dass sich die 200-Millionen-Euro-Investition rechnen wird, eine Amortisierung sei „sehr gefährdet“. „Es sollte alles getan werden, um dieses Projekt zu verhindern.“

Ein Beispiel für ein Bad in öffentlicher Hand, das wirtschaftlich arbeitet, ist die Weser-Therme in Bad Karlshafen. Sie gehört der Bad Karlshafen GmbH, einer 100-prozentigen Tochtergesellschaft der kleinen Kurstadt. Das Gebäude sei über den Besitzer abgesichert, die Weser-Therme zahle eine monatliche Pacht und trage alle anderen Risiken selber, erklärt Martina Abel, Prokuristin der Bad Karlshafen GmbH.

„Die Therme wird marktbezogen, also mit marktüblichen Eintrittspreisen geführt und ist an Kundenwünschen und nicht an politischem Interesse ausgerichtet“, sagt Abel. Rechnen könne sich die Therme nur durch einen guten Mix. Dazu gehörten Veranstaltungen im Bad, Alleinstellungsmerkmale wie das Saunaboot – eine schwimmende Sauna – sowie Kombi-Pakete mit geführten Radtouren oder Weserschifffahrten. Nach 37 Jahren ist das Rebstockbad in Frankfurt ziemlich marode. Bei seiner Eröffnung 1981 sei es das größte Familienbad in Deutschland gewesen mit rund 900.000 Besuchern im Jahr, erzählt der Geschäftsführer der Frankfurter Bäder, Frank Müller. Ein Gutachten habe ergeben, dass sich eine Sanierung nicht mehr lohnt. Nun sei für 86 Millionen Euro ein Neubau geplant. Falls das Stadtparlament grünes Licht gibt, könne das alte Bad voraussichtlich 2020 abgerissen und mit dem Neubau begonnen werden.

In Bad Nauheim haben die Stadtverordneten jetzt den Bau einer neuen Therme beschlossen. Das alte Bad war Ende 2015 geschlossen worden. Das Konzept der Wetteraustadt sieht unter anderem vor, dass die neue Therme an ein denkmalgeschütztes Jugendstil-Badehaus angeschlossen wird. Die Stadt setzt insbesondere auf den Gesundheitsaspekt, wie Bürgermeister Klaus Kreß (parteilos) erklärt. Deshalb sehe man das geplante Kombi-Bad im nur rund 25 Kilometer entfernten Bad Vilbel nicht als Konkurrenz. „Ich glaube, dass es sich ergänzt.“ Die beiden Einrichtungen hätten unterschiedliche Zielgruppen im Blick.

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„Mögliche Veränderungen, die sich durch die Errichtung der geplanten Therme in Bad Vilbel ergeben, haben wir im Blick“, sagt Jörg Zimmer, Marketingleiter von Monte Mare. Die rheinland-pfälzische Firma betreibt unter anderem in Obertshausen ein Bad. Man sei diesbezüglich im Gespräch mit der Stadt, so Zimmer. Nur wenn eine Therme gut in die Region passe und die richtigen Highlights biete, ließen sich damit schwarze Zahlen schreiben, sagt Bäder-Expertin Boller. Die Lahn-Dill-Bergland-Therme im mittelhessischen Bad Endbach beispielsweise setzt auf Themen-Saunen: Etwa im Stil einer Schmiede, einer Apotheke und einer Bäckerei – Letztere samt Ofen und Backduft. Wichtig sei ein Alleinstellungsmerkmal, erläutert Boller.

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Allerdings wird an der Kasse eines Kombi-Bades oder einer Therme oft ein deutlich höherer Betrag fällig, als im einfachen Hallenbad. „Der normale Eintrittspreis, bei dem Familien für kleines Geld schwimmen gehen können, ist nie kostendeckend“, sagt Joachim Heuser vom Badewesen-Verband. Er schätzt, dass der Kostendeckungsgrad bei Freibädern bei 30 Prozent liegt, bei Freizeitbädern bei rund der Hälfte.

Dennoch wollen Kommunen ihren Bürgern Schwimmmöglichkeiten bieten, ohne sich dabei exorbitant zu verschulden. In Idstein sei daher ein Vorschlag eines privaten Investors, dessen neue Therme mitzubenutzen, gerade recht gekommen, sagt ein Sprecher der Kommune, deren Hallenbad vor einigen Jahren wegen zu hoher Sanierungskosten schließen musste. Für einen jährlichen Betriebskostenzuschuss dürfen nun Vereine und Schulen die Becken des Kombi-Bades zu bestimmten Zeiten nutzen. (dpa/ses)

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