Opposition im Landtag wirft Kultusminister Lorz Versagen vor

Lehrermangel immer spürbarer

Offenbach - Der Deutsche Lehrerverband und die SPD in Hessen haben ein Ende der Verschleierungstaktik des Schulministeriums beim Unterrichts- ausfall gefordert. In Hessen fehlen immer noch 100 Grundschullehrer, laut SPD sind 6000 Vertretungskräfte ohne Lehramtsbefähigung im Einsatz.

Es ist ein Dauerärgernis für alle, die in der Schulpolitik oder im Lehrbetrieb Verantwortung tragen: Der Lehrermangel an Schulen wird immer spürbarer. Längst nicht alle Schulstunden, die in den Plänen vorgesehen sind, finden in den unterschiedlichen Schulformen auch tatsächlich statt. Eine Studie der Wochenzeitung „Die Zeit“ ergab, dass bundesweit etwa doppelt so viel Unterricht ausfällt, wie von den Behörden angegeben. Die Studie ergab, dass etwa fünf Prozent aller Unterrichtsstunden ersatzlos gestrichen werden. Bei weiteren fünf Prozent handele es sich um Vertretungsunterricht. Insgesamt fielen demnach zehn Prozent der Stunden weg oder würden irregulär unterrichtet. Von rund zwei bis drei Prozent sprechen den Angaben zufolge die offiziellen Seiten. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, fordert im Interview „endlich eine ehrliche Bestandsaufnahme“.

Auch Hessens Schulministerium muss die Probleme jetzt eingestehen. So werden die freien Lehrerstellen an Grundschulen im Land voraussichtlich nicht alle bis zum Schuljahresende fest besetzt werden können. Darauf wies gestern ein Sprecher des Kultusministeriums in Wiesbaden hin. Minister Alexander Lorz (CDU) hatte nach den Sommerferien eingeräumt, dass wegen eines Mangels an Bewerbern zum Start ins neue Schuljahr rund 100 Lehrerstellen unbesetzt sind. Für rund ein Viertel davon seien mittlerweile Lehrer gefunden worden, sagte der Ministeriumssprecher. Es werde im Laufe des Schuljahres wohl nicht gelingen, alle freien Stellen zu besetzen. Lorz hatte betont, dass die Grundversorgung beim Unterricht trotz dieser Personalsituation nicht gefährdet sei.

Im Kampf gegen den Mangel an Grundschullehrern will Hessen künftig auch auf Studenten setzen, die einen Abschluss für ein anderes Lehramt in der Tasche haben. Ab 1. November steht das Referendariat an Grundschulen bis zu 50 Absolventen des 1. Staatsexamens für Gymnasien, Haupt- und Realschulen offen. Bisher war der Wechsel an eine der hessischen Grundschulen erst nach dem Referendariat an einer weiterführenden Schule und zusätzlichen Fortbildungen möglich.

Bilder: Einschulung 2017 in Offenbach

Die Opposition reagierte mit scharfer Kritik auf die Schul-Misere. Die Schulexperten von SPD, Linken und FDP warfen dem Kultusminister gestern verantwortungsloses Handeln vor und sprachen von einem Versagen sowie einem Armutszeugnis für die schwarz-grüne Schulpolitik. Das Lehramt an Grundschulen müsse attraktiver gemacht werden. Dazu zähle auch eine Besoldungserhöhung für die Lehrer. Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag, Christoph Degen, kritisierte, dass Minister Lorz kein Wort verloren habe zu den 6000 Vertretungskräften, die über kein Lehramt verfügten. Zudem stehe die Antwort auf den Berichtsantrag der SPD zur ungeklärten Qualifikation von zehn Prozent aller hessischen Lehrkräfte seit zwei Monaten aus.

„In Wirklichkeit ist der Lehrermangel viel dramatischer, als der Minister bereit ist zuzugeben“, so Degen. „Dieses Versagen ist ein Versagen mit Ansage. Immerhin weiß man in aller Regel sechs bis sieben Jahre vorher, wie viele Grundschüler zu erwarten sind“, fügte der SPD-Bildungspolitiker hinzu. (psh/dpa)

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