Lehrerverbandschef: Es fehlt vor allem geschultes Personal

Für Inklusion nur die Note „mangelhaft“

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Viele Lehrer in Hessen halten die Inklusion für sinnvoll, aber nicht in der jetzigen Form. Da gebe es eine Menge Nachholbedarf, sagen Pädagogen.

Offenbach - Mit dem gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung sind viele Eltern und Lehrer in Hessen immer noch oft unzufrieden. Damit die Inklusion gelingt, muss es an Schulen nach Experteneinschätzung mehr speziell geschulte Pädagogen geben.

In Nordrhein-Westfalen will die Landesregierung Qualitätsstandards vorgeben. Dabei wird es um Klassengrößen und die Anzahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf sowie die notwendige personelle Unterstützung gehen. Ein Vorbild für Hessen? Unser Redakteur Peter Schulte-Holtey hat bei Stefan Wesselmann nachgefragt. Er ist Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen und Rektor der Trinkbornschule in Ober-Roden:

Welche Noten geben Sie der Umsetzung der Inklusion in Hessen?

Wir können leider derzeit in weiten Teilen nur die Note „mangelhaft“ – im wahrsten Sinne des Wortes – erteilen. Es mangelt nämlich an allen Ecken und Enden.

Wo setzt denn Ihre Kritik genau an?

Es ist eben nicht ausreichend, die sogenannte individuelle Förderung in Gesetze und Verordnungen zu schreiben. Es müssen auch die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Und hier mangelt es eben an entsprechend angepassten Klassengrößen – was früher beim sogenannten „gemeinsamen Unterricht“ möglich war, im Rahmen der Inklusion aber sang- und klanglos weggefallen ist.

Und es mangelt auch an einer sonderpädagogischen Unterstützung im Regelunterricht, der sich am tatsächlichen Bedarf der Schülerinnen und Schüler orientiert und nicht an der Anzahl der zur Verfügung stehenden Lehrerstellen oder gar der Lehrkräfte. Wir stecken in der Zwickmühle, dass die Stellen nicht auskömmlich sind und nicht mal dafür genug Lehrkräfte gefunden werden können.

Stefan Wesselmann, Vorsitzender des Lehrerverbands VBE in Hessen.

Und es gibt keine Lichtblicke im Land?
Doch! Positiv zu bewerten ist, dass Hessen – im Gegensatz zu Nordrhein-Westfalen – auf großflächige Schließungen von Förderschulen verzichtet hat und Eltern noch die Wahl zwischen inklusiver Beschulung an der Regelschule oder eben der Beschulung an der Förderschule lässt.

Trotzdem sind Sie aber offenbar skeptisch?

Ja – wir sehen die Gefahr, dass durch die derzeitige Verfahrensweise des Kultusministeriums nach der Devise „Masse statt Klasse“ die Mittel weder für die Umsetzung einer verantwortungsvollen Inklusion noch für das Angebot qualitativ gut aufgestellter Förderschulen ausreichen. Der VBE hält es für menschenverachtend, wenn erst mit großem Aufwand einem Schüler ein Anspruch auf sonderpädagogische Förderung zugestanden und dieser dann nicht eingelöst wird. 

Bilder: Offenbacher Sportgala im Capitol

Sollten denn auch in Hessen – wie in Nordrhein-Westfalen – neue Standards für die Inklusion eingeführt werden?

Der Ansatz „Wir haben ein Ziel und stellen für den Weg dorthin einen Plan auf“ ist auf jeden Fall eine dringende Empfehlung an die Landesregierung. Und das Ziel muss die Umsetzung einer qualitativ gut ausgestatteten Inklusion sein und nicht die Erfüllung von Quoten – möglichst hoher Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf, die an der Regelschule beschult werden.

Die Landesregierung in Wiesbaden muss sicherstellen, dass der individuelle Unterstützungsbedarf ermittelt und umgesetzt wird. Und dabei kann es auch nicht einfach darum gehen, den Elternwunsch bedingungslos umzusetzen. Eltern meinen es immer gut mit ihren Kindern. Aber das Gegenteil von „gut“ ist oft „gut gemeint“...

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