Liebe zur Kreatur und knappe Etats

Tierheime und Kommunen streiten um Geld für Unterbringung und Futter

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In hessischen Tierheimen fehlt nach Einschätzung des Landestierschutzverbandes das Geld für dringend benötigte Modernisierungen. Die bereitgestellten Mittel reichen oft nicht für die Deckung der laufenden Kosten.

Altenstadt/Kassel - Tierheime und Kommunen in Hessen ringen seit Jahren ums Geld. Gestritten wird über die Kosten sogenannter Fundtiere. Für die Heime wird der Konflikt existenzbedrohend. Von Göran Gehlen

Eine Katze kann gefunden werden, ohne ein Fundtier zu sein: An dieser juristischen Feinheit hat sich ein Streit zwischen Tierschützern und Kommunen in Hessen entzündet. Es geht ums Geld und die Frage, wer für Kosten aufkommt, die Tiere in Tierheimen verursachen. Städte und Gemeinden wollen nicht für etwas zahlen, für das sie sich nicht zuständig sehen. Tierheimen wiederum droht nach Einschätzung des Landestierschutzverbandes langfristig das finanzielle Aus. Vielen Tierheimen im Land fehlt Geld für dringend benötigte Modernisierungen. Es gebe einen Investitionsstau, sagte Sigrid Faust-Schmidt vom Hessischen Tierschutzverband. Die finanziellen Mittel reichten nicht für die Deckung der Kosten. Neben den Kosten der Unterbringung und Versorgung seien insbesondere Tierarztkosten ein immenser Faktor, der die Budgets der Tierheime belaste.

Für die Unterbringung von Fundtieren erhalten sie von vielen Kommunen eine pauschale Unterstützung, meist geregelt über einen sogenannten Fundtiervertrag. Die Tierschutzarbeit der Tierheime gehe jedoch weit über die Aufnahme von Fundtieren hinaus, erklärte Faust-Schmidt. Es würden beispielsweise auch Tiere aus schlechter Haltung aufgenommen. Zudem gebe es Tendenzen, sogar bei der Erstattung der Fundtierkosten zu sparen – „was für einige hessische Tierheime tatsächlich das Aus für die Zukunft bedeuten könnte“.

Städte und Gemeinden sehen sich nur teilweise in der Verantwortung: „Es wird häufig gesagt, die Kommune ist zuständig, das ist allerdings ein falsches Denken in der Öffentlichkeit“, sagte Daniela Maier vom Hessischen Städte- und Gemeindebund. Man sei zwar laut Gesetz für Funde zuständig – also verlorene oder entlaufene Tiere. „Doch manchmal ist fraglich, ob es überhaupt eine Fundkatze ist.“ Denn verwilderte Tiere seien herrenlos, die Kommune somit nicht zuständig. Diese Tiere bleiben oft sich selbst überlassen.

Im Landkreis Darmstadt-Dieburg lehnte die Stadt Reinheim beispielsweise die Annahme einer Fundkatze ab, weil das Tier keinem Eigentümer zuzuordnen war. Es fehlte ein Chip oder ein Halsband. Die Kommune unterstützt auch das örtliche Tierheim nicht mehr: Die Kosten von 13 000 Euro im Jahr stünden in keinem Verhältnis zur geringen Zahl der Fundtiere, heißt es. Der Landestierschutzverband kritisiert das Verhalten: „Reinheim im Landkreis Darmstadt-Dieburg ist nur ein Beispiel für eine Kommune, die sich mit fadenscheinigen Argumenten aus der Verantwortung stiehlt“, sagte Faust-Schmidt.

Auch in Nordhessen ist der Konflikt schon eskaliert. Ein gutes Beispiel für die Situation der Tierheime sei die Wau-Mau-Insel in Kassel, sagte Karsten Plücker, Tierheimleiter und Vorsitzender des Bunds gegen Missbrauch der Tiere (BMT). Der Verein betreibt in Hessen drei Tierheime. „Das Hundehaus in Kassel muss neu gemacht werden“, erzählte Plücker. Doch statt Geld fürs Hundehaus auszugeben, müsse man die Rücklagen aufbrauchen, um Tiere zu füttern.

Plücker sieht das Problem bei den Kommunen im Landkreis, deren Tiere die Wau-Mau-Insel aufgenommen habe, obwohl die Zahlungen nicht die Kosten deckten. Ein Tierheim brauche pro Jahr und Einwohner von einer Großstadt einen Euro, bei kleineren Kommunen 50 bis 90 Cent, um kostendeckend zu arbeiten. „Die meisten zahlen aber weniger oder gar nicht“, sagte der BMT-Vorsitzende.

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Die Finanzierung der Tierheime laufe mittlerweile zu 50 Prozent über Erbschaften, die Unterstützer hinterließen. Plücker hat mittlerweile die Fundtierverträge mit vielen Kreiskommunen gekündigt und nimmt keine Tiere mehr an. Die Forderungen von Wau-Mau seien „außerhalb jeglicher Diskussion gewesen“, sagte indes Michael Steisel, Sprecher der Bürgermeister im Landkreis. Wo die Fundtiere nun hinkommen, kann er nicht sagen. Jede Gemeinde habe da eigene Möglichkeiten.

Laut dem Landestierschutzverband landen viele Fundtiere am Ende doch in den Tierheimen. Die Tierschutzvereine würde sich ein Herz fassen – auch ohne Fundtiervertrag. Darüber spreche aber niemand gern, sagte Sigrid Faust-Schmidt. Oder die Kommunen brächten die Tiere in privaten Pensionen oder bei Einwohnern unter.

Das Land Hessen verweist darauf, dass die Landesregierung die „Stiftung Hessischer Tierschutz“ eingerichtet hat. Sie soll Tierheime in schwierigen Situationen unterstützen. Diese könnten zum Beispiel bei Futtermittel- oder Tierarztkosten sowie bei Neubau-, Umbau- oder Reparaturmaßnahmen finanzielle Unterstützung beantragen. „Jährlich stehen der Stiftung etwa 150.000 Euro an Fördermitteln zur Verfügung“, erklärte Julia Stoye, Sprecherin des Umweltministeriums. Laut dem Landestierschutzbund ist das ein wichtiges Signal, aber viel zu wenig. Die Antragsstellung und der Nachweis der korrekten Mittelverwendung seien so kompliziert, dass viele ehrenamtliche Vorstände keine Förderanträge stellten. (dpa)

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