Trauerkreuze für Unfallopfer stehen auf vielen Grünstreifen

Mahnung und Erinnerung am Straßenrand

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Trauerkreuze sind an vielen Straßen zu finden.

Frankfurt - In der Böschung an der B3 brennt neben dem Foto einer Frau eine Kerze. Etwas versetzt stehen Blumen und ein Kreuz. Angehörige haben die Gegenstände aufgestellt, um an den Unfalltod der Frau in der Nähe von Bad Nauheim zu erinnern. In ganz Hessen finden sich an Unfallstellen solche Gedenkstätten.

Ein Straßenkreuz werde von vielen Angehörigen wie eine Art Grab betrachtet, erzählt Peter Ress, der sich für die Initiative „Strassenkreuz.de“ engagiert. Es gehe den Hinterbliebenen von Unfallopfern auch um Nähe, sagt der 56-Jährige. Denn das Kreuz am Straßenrand markiere wahrscheinlich den Ort, wo ihr Angehöriger zuletzt gelebt habe. Die Gedenkstellen sollen zudem Vorbeifahrenden bewusst machen, vorsichtiger zu sein „und sich in Erinnerung zu rufen, wie gefährlich der Straßenverkehr sein kann“.

Auf Hessens Straßen starben im vergangenen Jahr 213 Menschen. Hauptursache für Unfälle mit Schwerverletzten oder Toten ist laut Polizei das Tempo. Straßenkreuze lassen die Behörden in der Regel stehen, sofern sie weder eine Gefahr für Verkehrsteilnehmer darstellen noch notwendige Arbeiten behindern, wie das Straßen- und Verkehrsmanagement Hessen Mobil mitteilt. „Andernfalls wird mit den Angehörigen das Gespräch gesucht, um das Kreuz um wenige Meter zu versetzen“, erläutert Sprecherin Sandra Blaß. „Auch wenn nach ein paar Jahren die örtliche Meisterei den Eindruck gewinnt, dass das Kreuz und sein Umfeld nicht mehr gepflegt wird, wird zunächst mit den Angehörigen das Gespräch gesucht, ehe ein Kreuz entfernt wird.“

Erlaubt ist es eigentlich nicht, Gedenkstätten am Fahrbahnrand aufzustellen. Es wird aber „weitestgehend toleriert“, wie der Kreis Gießen für seine Verkehrsbehörde mitteilt. Was als verkehrsgefährdend eingestuft werde, hänge auch von der Aufmachung ab: Bei einer zu aufwendigen Gestaltung versuchten die Mitarbeiter, die Angehörigen zu kontaktieren und um eine dezentere Gestaltung zu bitten. „So werden zum Beispiel Steine oder große Kreuze nicht toleriert, auch Grablichter sind unerwünscht, weil eine Gefahr für andere Autofahrer nicht ausgeschlossen werden kann.“

Philipp Bursian stand schon an vielen Straßenkreuzen. Der 30-Jährige aus Weimar in Thüringen geht den Geschichten hinter den Kreuzen nach und trifft sich mit Angehörigen. „Ich möchte wissen, was passiert ist, aber auch Hinterbliebene unterstützen und mit ihnen gedenken.“ Er arbeitet an einer Ausstellung, um die Geschichten, die er gesammelt hat, der Öffentlichkeit zu präsentieren.

In seinen Gesprächen habe er oftmals erfahren, dass die Angehörigen in ihrer Trauer nicht allein gelassen werden wollten, erzählt Bursian. Auch deshalb stellten sie ein Kreuz am Ort des Geschehens auf. „Die Straße ist ja ein öffentlicher Verkehrsraum, da werden andere Leute darauf aufmerksam gemacht.“ Schwer sei für die Hinterbliebenen insbesondere: „Der Unfalltod ist ein plötzlicher Tod, auf den keiner vorbereitet ist.“

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So können die Kreuze aus Sicht des Frankfurter Verkehrspsychologen und Psychotherapeuten Peter Fiesel auch ein Hinweis darauf sein, dass die Trauerbewältigung ins Stocken geraten ist. „Den Tod eines Menschen zu verarbeiten, ist ein psychischer Prozess, der Zeit in Anspruch nimmt und Arbeit bedeutet.“ Ob ein Kreuz anderen Verkehrsteilnehmern als Mahnung dient, ist Fiesel zufolge individuell verschieden. Die einen bemerkten sie erst gar nicht, manche ärgerten sich darüber, wieder anderen bereite es Probleme, an den Kreuzen vorbeizufahren. Dass Autofahrer deswegen vorsichtiger unterwegs sind, glaubt der Verkehrspsychologe nicht: „Es sterben jedes Jahr Tausende im Straßenverkehr. Das ist eine Realität, die jeder kennen kann, die aber verleugnet wird. (dpa)

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