"Es ist fünf nach Zwölf"

Verband: Viel zu wenig Kinderärzte

Bad Orb -  Entwicklungen in der Kinder- und Jugendmedizin sind nach Verbandsangaben besorgniserregend: zu wenig Ärzte, zu wenig Nachfolger für frei werdende Praxen. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr junge Patienten mit chronischen Erkrankungen.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) schlägt Alarm und warnt vor einem Mangel an Fachärzten für den Nachwuchs in Deutschland. „Die Sicherstellung der medizinischen Versorgung von Kindern- und Jugendlichen und damit deren Chancen auf ein gesundes Aufwachsen ist in Gefahr, wenn die Politik nicht schnell handelt“, sagte BVKJ-Präsident Thomas Fischbach gestern in Bad Orb zum Auftakt des Verbandskongresses. Schon heute fänden viele Familien keinen passenden Arzt mehr in der Nähe oder die Praxen seien überfüllt.

Die Gründe für die ausgedünnte Versorgung lägen an falschen Weichenstellungen der bisherigen Gesundheitspolitik. Nicht nur auf dem Land, sondern bald auch in Städten werde es Versorgungsprobleme geben, prognostizierte Fischbach. „Es ist fünf nach zwölf.“

Fischbach gab zu bedenken, dass in den nächsten fünf Jahren ein Viertel und in den nächsten zehn Jahren ein Drittel aller praktizierenden Kinder- und Jugendärzte in den Ruhestand gehe. Der Altersdurchschnitt liege aktuell bei 58 Jahren. Deshalb seien ein Drittel mehr Kinderärzte nötig. Problematisch auch: Nachrückende Ärzte ziehe es vor allem in attraktive Großstädte. Und Frauen wählten bevorzugt Teilzeitmodelle, um Familie und Beruf besser miteinander zu vereinbaren.

Ein weiteres Problem sei, dass es die Ärzte bei ihren jungen Patienten häufig nicht nur mit einfachen Infekten, sondern mit aufwendig zu behandelnden Entwicklungsstörungen zu tun hätten. Der wissenschaftliche Kongressleiter, Michael Keller, erklärte: „Chronische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind auf dem Vormarsch. Das verschärft die Situation.“ Immer häufiger seien Magen-Darm-Erkrankungen, Asthma, Diabetes und Migräne. „Es gibt viel mehr chronisch kranke Kinder und Jugendliche als gemeinhin angenommen wird“, sagte Fischbach.

Fischbach sagte: „Wir brauchen eine neue Bedarfsplanung, die die Realitäten berücksichtigt, den höheren Betreuungsaufwand, den geringeren Arbeitsstundenumfang pro Kinder- und Jugendarzt, die steigende Anzahl von Geburten und zugewanderten Kindern und Jugendlichen.“ Eine solche Bedarfsplanung müssen auch regional flexibel gestaltet werden statt starr Zahlen festzulegen.

Fischbach bemängelte auch, dass die Arbeit der Kinder- und Jugendärzte nicht ausreichend honoriert werde. Der Vergütung solle im nächsten Jahr nur um 1,18 Prozent steigen. Demgegenüber steige aber die Teuerungsrate seit Monaten, zuletzt lag sie bei 1,8 Prozent. Die Honorarerhöhungen deckten nicht einmal die gestiegenen Praxiskosten. „Wir verlieren also. Bereits heute werden rund 20 Prozent unserer Leistungen nicht vergütet“, kritisierte Fischbach.

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Die Kinder- und Jugendärzte hätten auch deswegen Schwierigkeiten, Nachfolger für die Praxen zu finden. „Junge Ärzte tun sich den Stress bei gleichzeitig schlechten Honoraren nicht mehr an und bleiben in den Kliniken. Die Kinder- und Jugendmedizin droht auszubluten“, befand Fischbach.  (dpa)  

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