Ärztekammer: Lieferengpässe alarmierend

Medikamente fehlen: „Katastrophe für Patienten“

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Seit einigen Jahren kommen Engpässe bei Arzneimitteln immer häufiger vor. Auch lebenswichtige Medikamente stehen dann für einige Wochen nicht zur Verfügung. Eine gefährliche Entwicklung, findet die Hessische Ärztekammer.

Offenbach - Antibiotika, Krebsmedikamente und Impfstoffe: In Deutschland kommt es bei wichtigen Arzneien immer wieder zu Lieferengpässen. Bei Hessens Ärzten wächst inzwischen die Besorgnis. Von Peter Schulte-Holtey

Wolfgang Kräuter, stellvertretender Leiter der Apotheke am Offenbacher Sana Klinikum, sagt es mit klaren Worten: „Lieferengpässe bei Arzneimitteln kommen seit einigen Jahren zunehmend häufiger vor.“ In dem Krankenhaus seien zwar bislang immer noch geeignete Ersatzprodukte gefunden worden, ergänzt der Fachmann. Für lebensnotwendige Medikamente, wie zum Beispiel. Antibiotika, hat die Apotheke der Klinik aber die Vorräte ausgebaut, um die Patientenversorgung zusätzlich abzusichern. Rückmeldungen aus anderen Kliniken im Rhein-Main-Gebiet fallen ähnlich aus. Sie bestätigen die ungewöhnlich ernste Warnung der Hessischen Ärztekammer. „Die Situation ist alarmierend“, sagt Kammerpräsident Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach. Seit Jahren nehmen demnach die großen Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Impfstoffen, Antibiotika oder Arzneimitteln etwa zur Behandlung von Krebs zu. „Plötzlich stehen Medikamente, die dringend zur Behandlung von zum Teil lebensbedrohlichen Erkrankungen benötigt werden, für einige Wochen oder Monate nicht mehr zur Verfügung. Für die betroffenen Patienten schlichtweg eine Katastrophe“, kritisiert Ärztepräsident von Knoblauch zu Hatzbach. Vehement setzt er sich jetzt für eine umfassende Strategie zur Lösung des Problems ein.

Dr. Gottfried Knoblauch zu Hatzbach, Präsident der Landesärztekammer Hessen

Ab 2017 ist demnach mit Lieferengpässen beim Breitband-Antibiotikum „Tazo-bactam“ zu rechnen, das in Krankenhäusern zur Behandlung von bakteriellen Infektionen zum Beispiel der unteren Atemwege, der Harnwege, der Bauchhöhle, der Haut oder des Blutes angewendet werde. „Voraussichtlich werden wir ab Januar bis Mitte des nächsten Jahres nicht mehr in der Lage sein, das Medikamente einzusetzen“, warnt Präsidiumsmitglied Susanne Johna. Grund für den Lieferengpass sei die Explosion in einem Produktionswerk in Asien; es gebe aber noch viele weitere Gründe für die Probleme, erläutert sie. Wenn ein Antibiotikum nicht verfügbar sei, griffen viele Mediziner auf andere Präparate zurück. Möglicherweise erzielten diese jedoch nicht denselben Behandlungserfolg oder hätten mehr Nebenwirkungen. Zudem könne es Auswirkungen auf die Entwicklung multiresistenter Keime haben.

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Auch die Apotheker vor Ort bekommen die Engpässe zu spüren. Holger Seyfarth, Vizevorsitzender des Hessischen Apothekerverbands, warnt im Interview vor den Problemen: „Die Patientenversorgung hat sich in der Tat verschlechtert, weil hochwirksame Schmerzmittel teilweise kaum lieferbar waren. Aktuell sind auch wieder einige Antibiotika nur schwer erhältlich.“ Nach seinen Angaben hängt die Krise unter anderem mit der speziellen Situation in Deutschland zusammen: „Viele Hersteller müssen ihre Arzneimittel in Deutschland günstiger anbieten als in anderen europäischen Ländern. Dies schafft für Marktakteure Anreize, Packungen, die für den deutschen Markt bestimmt sind, aufzukaufen, und sie in anderen Märkten anzubieten.“

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