Werben für mehr Zuwanderer

Bouffier ruft zu Nachdenklichkeit in Migrationsdebatte auf

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Regierungschef Volker Bouffier eröffnete gestern in Darmstadt die Spargelsaison.

Darmstadt - In der Politik wird noch über Obergrenzen bei der Aufnahme von Flüchtlingen und die Folgen der Zuwanderung gestritten. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) machte nun deutlich, dass Deutschland eigentlich viel mehr Immigranten holen müsste – aus eigenem Interesse.

Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hat zu Nachdenklichkeit in der Zuwanderungsdebatte aufgerufen. „Wir könnten keinen einzigen Spargel mehr stechen, wenn wir nicht die Saisonarbeiter aus der Ukraine, aus Polen und aus anderen Ländern hätten“, sagte er gestern beim traditionellen Spargelanstechen in Darmstadt. „Die Bürokratie darf nicht ausufern.“

Den Vorsitzenden des Arbeitskreises Spargel Südhessen, Rolf Meinhardt, treiben noch andere Sorgen um. Die Drei-Monats-Regel für Hilfskräfte in der Landwirtschaft dürfe nicht wie geplant auf zwei Monate verkürzt werden, forderte er. Andernfalls müssten Spargel- sowie Erdbeerbauern, andere Landwirte und Winzer die Kräfte genau dann wieder nach Hause schicken, wenn sie gut eingearbeitet seien. Oder eben für einige Wochen sozialversicherungspflichtig anmelden, was einen erheblichen bürokratischen Aufwand bedeute.

„Das macht überhaupt keinen Sinn“, kritisierte Meinhardt. Die meisten Saisonkräfte seien Hausfrauen, die drei, vier Jahre kämen und dann in ihrer Heimat blieben. Immer mehr Osteuropäer wollten lieber eine Festanstellung in der Industrie als bloß für einige Zeit in der Landwirtschaft zu arbeiten. „Wenn wir Leute haben, die gut sind und in Deutschland bleiben wollen, stellen wir sie auch ein.“ So habe Meinhardt nach zwei, drei Jahre Suche einen Traktorfahrer in Rumänien gefunden, der nun in Hessen wohne.

Studie: Deutschland heißt Zuwanderer freundlicher willkommen

Die Forderungen von Bouffier und Meinhardt kommen passend zu einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Diese hat die Bedeutung von ausländischen Fachkräften ebenfalls hervorgehoben. So habe es in den vergangenen Jahren ein Beschäftigungsaufbau gegeben, der ohne Zuwanderung kaum möglich gewesen wäre. Nun komme es darauf an, die Attraktivität für international mobile Fachkräfte zu erhalten und zu steigern sowie mehr junge Menschen für eine Ausbildung im Land zu gewinnen. So könnte gewährleistet werden, dass sie länger in Deutschland bleiben.

Eine weitere Erkenntnis der Studie: Die Zunahme der Ausländerbeschäftigung seit 2013 war mit 889.000 wesentlich durch EU-Zuwanderer getragen. Nur 386 000 kamen von außerhalb Europas, also aus den sogenannten Drittstaaten. Auf längere Sicht aber sei Deutschland auf Zuwanderer aus diesen Ländern angewiesen, heißt es weiter. Schließlich seien auch die anderen EU-Länder vom demografischen Wandel betroffen und bräuchten Arbeitskräfte.

Auch die neuen Zuwanderungs-Zahlen des Statistischen Bundesamts bestätigen die IW-Studie. Demnach kamen die meisten Migranten im vergangenen Jahr aus der EU nach Deutschland, nämlich 439.000, das Groß davon aus östlichen Staaten wie Polen, Rumänien und Bulgarien. Die Migration aus Drittstaaten nahm dagegen ab, es wurden 163.000 Personen neu registriert, nachdem es 2016 noch 665 000 gewesen waren. Besonders aus Syrien, dem Irak und Afghanistan kamen weniger Menschen nach Deutschland.

Hessen startet offiziell in die Spargelsaison: Bilder

Trotz dieses Trends vermeldete das Statistische Bundesamt einen Rekord: Aktuell leben in Deutschland so viele Ausländer wie nie zuvor, etwa 10,6 Millionen. Die Zahl stieg bis Ende 2017 um 585 000 oder 5,8 Prozent im Vergleich zu 2016. Dieses Plus lag deutlich über dem Schnitt der vergangenen zehn Jahre, der sich auf 388 000 belief. 2016 hatte der Zuwachs noch bei 13 Prozent gelegen. Damit schwächte sich der Zuzug ab und war etwa so hoch wie 2013, vor der Flüchtlingswelle. Der Anteil der Ausländer an der Gesamtbevölkerung lag bei knapp 13 Prozent. (dpa/epd)

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