Sehr früh ganz nah dran

Fall Johanna: Polizei hatte Rick J. schon nach drei Wochen im Visier

Gießen - Vor 19 Jahren soll Rick J. das Mädchen Johanna in der Wetterau missbraucht und ermordet haben. Erst im Oktober 2017 gelang der Polizei die Festnahme. Gestern wurde bei der Verhandlung vor dem Landgericht Gießen klar, dass die Beamten bereits im Herbst 1999 nahe an der Lösung des Falls waren. Doch damals verhinderte eine gravierende Fehleinschätzung, dass Rick J. verhaftet wurde. Von Hedwig Rohde.

Bereits in den ersten Stunden nach dem Verschwinden der Achtjährigen vom Sportplatz Bobenhausen am 2. September 1999 hatte sich ein Zeuge gemeldet, dem auf seiner spätnachmittäglichen Fahrt von Ranstadt über Bellmuth nach Bobenhausen ein VW Jetta mit Homburger Kennzeichen aufgefallen war, zuerst langsam fahrend auf der Straße, später auf dem zum Sportplatz führenden Radweg.

Nachdem sich, wie der damalige Leiter der Ermittlungsgruppe vor Gericht erläuterte, im Anschluss an die erfolglose Durchsuchung der waldreichen Umgebung Bobenhausens durch Hunderte Feuerwehrleute, THW-Angehörige und Freiwillige am Nachmittag des 3. September der Verdacht erhärtete, das Johanna keinen Unfall erlitten hatte, sondern entführt worden war, wurde die Suche nach dem VW Jetta deshalb zu einem von acht maßgeblichen Ermittlungsabschnitten, für die jeweils ein eigener Abschnittsleiter verantwortlich zeichnete.

Im Verlauf der nächsten Tage stellte sich zunächst die Zeugenbeschreibung bezüglich der Autofarbe als falsch heraus. „Braun“ war in der Farbpalette des Jetta-Herstellers nicht vorgesehen, wohl aber ähnlich erscheinende Farben wie „Malagarot“. Nachdem eine Befragung des Zeugen unter Hypnose keine weiteren Teile des HG-Kennzeichens zutage förderte, wurde beim Kraftfahrzeugbundesamt eine vollständige Liste der VW-Jetta-Halter im Kreis Bad Homburg angefordert. 598 Personen wurden daraufhin überprüft – unter ihnen Rick J., bei dem nicht nur die dunkle Farbe des Wagens, sondern auch die längeren Haare – der Bobenhäuser Zeuge hatte einen Fahrer mit Pferdeschwanz beobachtet – in etwa zur vorhandenen Beschreibung passten.

Weitere Artikel zum Mordfall Johanna finden Sie auf unserer Themenseite.

Auch die Ermittlungsbeamten bearbeiteten die Spur Rick J. zunächst offensichtlich prioritär. Am 20. September 1999 fanden zeitgleich zwei Ereignisse statt: Zwei Beamte führten den Zeugen in die Tiefgarage in Friedrichsdorf, um dort den Jetta zu begutachten, und zwei weitere Beamte samt Ermittlungsgruppenleiter suchten Rick J. in seiner Wohnung auf, vernahmen ihn ungewöhnlicherweise bereits als Beschuldigten (warum, vermochte der Ermittlungsgruppenleiter gestern nicht zu sagen), befragten ihn zu seinem Alibi (Auffahrunfall am Nachmittag, später angeblicher Anruf bei einem Freund, am späten Abend Besuch der Freundin) und durchsuchten das in der Tiefgarage stehende Fahrzeug, ohne darin Kleidungsstücke oder Gegenstände von Johanna zu finden.

Die Chronologie des Mordfalls Johanna Bohnacker: Bilder

Als die Beamten auf dem Rückweg nach Friedberg bei der Freundin in Rosbach-Rodheim vorbeischauten, um sich ihren spätabendlichen Besuch bestätigen zu lassen, hatten sie inzwischen aber wohl bereits von der Aussage des Zeugen erfahren: Dieser hatte angegeben, der Wagen könne aufgrund der Ausstattung zwar passen, sei seiner dunkelgrünen Farbe wegen aber auszuschließen. Dies allein gab anscheinend – obwohl sich keiner der Ermittlungsbeamten gestern darauf festlegen wollte – den Ausschlag, die ansonsten so vielversprechende Spur Rick J. nicht weiter zu verfolgen.

Kleine Panne am Rande: Einer Zeugin, die den Jetta an der Tankstelle Nidda gesehen hatte, wurden Fotos vorgelegt. Fünf davon schloss sie aus, bei einem sechsten stellte sie Ähnlichkeit mit dem Fahrer fest, aber keine richtige Übereinstimmung. Es war ein Foto, das Rick J. mit kurzen Haaren zeigte.

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare