Extremschwimmerinnen aus Hessen

Zwei Frauen, eine Leidenschaft

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Mehr als zehn Stunden in der endlosen Weite des Japanischen Meeres: Nathalie Pohl bezwingt Anfang August die Tsugaru-Straße und damit bereits die vierte Meerenge der sogenannten Ocean’s Seven.

Sie durchschwimmen große Seen und durchqueren Meerengen, kämpfen mit niedrigen Wassertemperaturen, Strömungen und Wellen: Zwei Hessinnen haben sich dem Freiwasserschwimmen verschrieben und trotzen den Naturgewalten.

Groß-Zimmern/Marburg – Während andere Sportler ihre Bahnen im Becken ziehen oder in Schwimmhallen um Medaillen kämpfen, suchen Nathalie Pohl und Sandra Hornig die ganz großen Herausforderungen im nassen Element: Als Freiwasserschwimmerinnen legen sie meist größere Distanzen zurück, kämpfen sich stundenlang durch große Gewässer und durchqueren ganze Seen oder gar Meerengen. Dabei sehen sie sich mit allerlei Schwierigkeiten konfrontiert, die es im Schwimmbad nicht gibt: Kälte, hohe Wellen, Strömungen und Tiere.

Beide Extremschwimmerinnen haben dabei schon viele Titel geholt, Rekorde aufgestellt und sind Bestzeiten geschwommen. So stellte Sandra Hornig im Jahr 2018 einen neuen Rekord bei der doppelten Bodensee-Breitenquerung auf: Die etwa 23 Kilometer legte die 48-Jährige aus Groß-Zimmern in sechs Stunden und 41 Minuten zurück und war damit fast eine Stunde schneller als der bisherige Rekordhalter Thomas Treutler (7:28 Stunden).

Ocean’s Seven: Sieben Meeresengen auf fünf Kontinenten

Nathalie Pohl brach 2016 einen Weltrekord, als sie die 14 Kilometer der Straße von Gibraltar zwischen Europa und Afrika in zwei Stunden und 53 Minuten durchschwamm. Die 24-jährige Marburgerin hat sich bei ihrer Jagd nach Höchstleistungen ohnehin ein besonderes Ziel gesetzt und will etwas schaffen, das zuvor bislang erst 18 Menschen erreicht haben: die Querung der sogenannten Ocean’s Seven – dabei handelt es sich um sieben Meerengen auf fünf Kontinenten. Den Ärmelkanal zwischen England und Frankreich (34 Kilometer), die Straße von Gibraltar, und den Kanal zwischen Santa Catalina Island und Los Angeles (ebenfalls 34 Kilometer) in Kalifornien an der US-Westküste hat sie bereits in den Jahren 2016 und 2017 durchschwommen. Anfang August dieses Jahres bewältigte sie dann die Tsugaru-Straße (20 Kilometer) zwischen zwei japanischen Inseln.

Im April 2020 will sie die 44 Kilometer zwischen zwei Hawaii-Inseln zurücklegen, und bereits jetzt trainiert sie auch für die Querung des Nordkanals (34 Kilometer) zwischen Irland und Schottland, die sie im Jahr 2021 angehen möchte. „Dort ist das Wasser besonders kalt, deswegen fange ich jetzt – zwei Jahre vorher – schon mit dem Kältetraining an“, beschreibt Pohl ihre Herangehensweise. Würde sie die beiden letztgenannten Meerengen bewältigen, bliebe nur noch die Cookstraße zwischen der Süd- und der Nordinsel Neuseelands (26 Kilometer).

Extremschwimmen: Kälte als Herausforderung

„Jeder Kanal hat seine eigenen Tücken, in Japan war es die Strömung und in Hawaii gibt es die portugiesische Galeere, eine hochgiftige Qualle“, beschreibt Pohl die Gefahren, die im Wasser lauern. Auch Haie können zum Problem werden, hier hat Pohl aber vorgesorgt: Ein sogenanntes Hai-Abwehrsystem am Begleitboot soll mit Hilfe eines elektromagnetischen Feldes abschreckend auf die Raubfische wirken.

„Die größte Schwierigkeit ist allerdings die Kälte“, sagt Pohl, die ihre Distanzen ohne Neopren-Anzug zurücklegt. Auch Sandra Hornig betont, dass es eine besondere Herausforderung und gleichzeitig ihr Anspruch ist, die niedrigen Wassertemperaturen ohne Anzug zu meistern. Bei den German Open im Eisschwimmen im Januar schwamm sie 1000 Meter durch das 1,4 Grad kalte Wasser. „Das war grenzwertig, aber eine sehr interessante Erfahrung. Ich kam zwar noch aus dem Becken raus, aber dann konnte ich keinen Fuß mehr vor den anderen setzen“, blickt sie zurück. „Das sollte man auf keinen Fall alleine machen.“

Beiboot beim Freiwasserschwimmen notwendig

Auch Nathalie Pohl stieß schon einmal an ihre Grenzen: Bei ihrem ersten Versuch, den Ärmelkanal zu durchschwimmen, musste sie im Jahr 2014 nach knapp zwölf Stunden von ihren Begleitern im Beiboot zum Aufgeben gezwungen werden: „Ich war stark unterkühlt und hatte Wasser in der Lunge, doch ich war in einer Art Trance und konnte nicht mehr selbst entscheiden“, erzählt sie. „Aus diesem Erlebnis habe ich viel gelernt.“

Ein Beiboot ist ohnehin Bedingung für die Freiwasserschwimmerinnen. Von dort werden sie mit Nahrung versorgt und vor Gefahren wie zum Beispiel kreuzenden Schiffen gewarnt. Doch ein Begleitboot kostet meist viel Geld – ein Grund, warum Sandra Hornig nur bei bestimmten Rennen, meist im Süßwasser und in Seen, teilnehmen kann: „Ich bezahle alles aus eigener Tasche und das hat dann gewisse Grenzen“, erzählt sie. „Mit Sponsoren wäre ich für alle Schandtaten bereit.“

Große Schiffe kreuzen die Route: Freiwasserschwimmerin Sandra Hornig aus Groß-Zimmern legt 26 Kilometer auf dem Zürichsee zurück.

Doch was ist die Motivation der beiden Schwimmerinnen, unter solch extremen Bedingungen ihrem Lieblingssport nachzugehen? „Ich will etwas schaffen, das ich für immer habe und worauf ich mein Leben lang stolz sein kann“, begründet Pohl, warum sie ausgerechnet die sieben Meerengen durchqueren möchte. „Es ist schön, mitten in einem See zu schwimmen, und dabei das Wasser, die Naturgewalten und die Landschaft zu genießen“, beschreibt Hornig ihr Gefühl im kalten Nass. Auch ihr Ehrgeiz ist ein Ansporn: „Natürlich will ich auch immer vorne mitschwimmen. Mein Ziel ist, als Erste anzukommen."

VON NIELS BRITSCH

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