Wie der Mord an der kleinen Johanna doch noch aufgeklärt werden kann

Neue Technik löst alten Fall

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Johanna wäre heute Mitte 20. Doch im September 1999 endet ihr Leben grausam im Alter von nur acht Jahren in Ranstadt-Bobenhausen.

Gießen/Ranstadt - Nach 18 langen Jahren ist der Mord an der achtjährigen Johanna so gut wie aufgeklärt. Der Fall zeigt: Dank neuer Technik können sich Täter nie sicher sein, irgendwann doch noch überführt zu werden. Von Carolin Eckenfels

Erleichterung, Anstrengung und Stolz steht den Ermittlern ins Gesicht geschrieben. Endlich, nach 18 Jahren, haben sie den Mord an der kleinen Johanna so gut wie aufgeklärt. „Die Polizei hat in all den Jahren nie aufgegeben“, sagt Roland Fritsch, der Leiter der Sonderkommission „Johanna“, gestern bei einer Pressekonferenz in Gießen. „Ein derart schreckliches Verbrechen lässt auch erfahrene Ermittler niemals kalt und niemals ruhen.“ Ein 41 Jahre alter Verdächtiger aus Friedrichsdorf war am Vortag festgenommen worden – nach Monaten neuer, akribischer Untersuchungen und verborgener Ermittlungen. Verdächtige Fesselspiele in einem Maisfeld führten die Ermittler auf die Spur des Mannes – und der technische Fortschritt half, ihn zu überführen. Der teils geständige 41-Jährige sitzt nun wegen Mordes und besonders schwerer sexueller Nötigung in Untersuchungshaft. In den Vernehmungen hatte er sich für den Tod des Mädchens verantwortlich gezeigt, diesen aber mehr als Unfall dargestellt. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Verdächtige Johanna tötete, um einen vorangegangenen Missbrauch zu verdecken.

Johanna wäre heute Mitte 20. Doch im September 1999 endet ihr Leben grausam im Alter von nur acht Jahren. Das spielende Mädchen aus Ranstadt in der Wetterau wird in ein Auto gezerrt, missbraucht, getötet und die Leiche in einem Wald bei Alsfeld abgelegt. Ein Spaziergänger findet sie im April 2000. Die folgenden, aufwendigen Ermittlungen hätten alle „leider Gottes nicht zum Erfolg geführt“, sagt der leitende Kriminaldirektor Fritsch. Dazu gehören Massentests mit etwa 1400 Männern, um deren Fingerabdrücke mit winzigen Spuren vom Tatort abzugleichen. Dazu gehört die Überprüfung von „VW Jetta“-Fahrern, da ein solches Automodell mit HG-Kennzeichen seinerzeit beobachtet wurde. Es gibt Plakataktionen und Zeugenaufrufe im Fernsehen („Aktenzeichen XY“). Doch keine Spur führt zu Johannas Mörder.

Bis Passanten im August 2016 in dem Maisfeld bei Nidda, nicht weit entfernt von Ranstadt, den Verdächtigen mit einer Jugendlichen ertappen und die Polizei rufen. Die Ermittler werden stutzig, da das Mädchen mit einem Klebeband gefesselt worden ist. Ein Stück eines solchen Bandes hatten sie an Johannas Fundort entdeckt und darauf Fragmente eines Fingerabdrucks sichergestellt. Die Beamten sind elektrisiert. Sie richten erst eine Arbeitsgruppe und im Juni 2017 die Sonderkommission „Johanna“ ein. Etwa 30 Mitarbeiter sind Fritsch zufolge mit dem Fall beschäftigt, Spezialisten verschiedener Fachgebiete unterstützen sie. Nach einer Durchsuchung der Wohnung des 41-Jährigen sichten die Beamten zahlreiche Datenträger, auf denen auch Kinderpornos sind.

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„Ich persönlich war mir eigentlich absolut sicher, dass wir den richtigen Tatverdächtigen im Fokus haben“, sagt Fritsch über den 41-Jährigen, der ledig ist, keinen Job hat und vorbestraft ist. Der Mann muss seine Fingerabdrücke abgeben – und zwar erneut, wie sich herausstellt. Denn er gehört zu den Männern, die Anfang 2000 bei einem der Massentests mitmachten. Einen Treffer gab es damals nicht. „Das Problem war, dass noch Fingerabdrücke mit sogenannter Fingerschwärze genommen wurden“, erklärt Staatsanwalt Thomas Hauburger. Diese Methode sei nicht so genau wie heutige digitale Verfahren. Hinzu komme, dass der Abgleich wegen der schwierigen Spurenlage sehr kompliziert gewesen sei. Dank der neuen Technik gibt es beim zweiten Abgleich einen Treffer. Auch weil weitere Spuren übereinstimmen, sind die Ermittler sicher, den Täter zu haben.

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Immer wieder kommt es vor, dass technische Innovationen oder der erneute Abgleich mit gespeicherten Daten einen Täter auch noch nach Jahrzehnten überführen. So konnte die Polizei vor Kurzem einen Mann festnehmen, der vor fast 30 Jahren in Aschaffenburg eine Frau vergewaltigt und beinahe getötet haben soll. Die Ermittler hatten alte Beweisstücke abermals untersucht. Dabei fanden sie DNA-Spuren, die zum Verdächtigen führten.

„Müde, erleichtert und stolz auf meine Mitarbeiter“ ist nun Soko-Leiter Fritsch. Ein solcher Moment sei sehr emotional für einen Kriminalbeamten. Man sei es auch der Familie schuldig gewesen, den Fall zu lösen. Johannas Mutter hatte in der Vergangenheit betont, die Ermittlungen dürften nicht einschlafen. Sie wolle alles tun, „damit dieser Kerl nicht frei herumläuft“. (dpa)

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