Information und Transparenz einfordern

Neues Reiserecht: Verbraucherschützer Dettelbacher im Interview

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Für Verbraucher, die ab Juli einen Urlaub buchen, gilt das neue Recht, das in allen Staaten der Europäischen Union angewendet wird.

Offenbach - Das neue Reiserecht soll die Rechte der Verbraucher stärken. „Damit werden Internetportale Reisebüros gleichgestellt“, so Michael Dettelbacher von der Verbraucherzentrale Hessen im Interview mit Redaktionsmitglied Marc Kuhn.

Mit dem neuen Reiserecht ab 1. Juli werden EU-Richtlinien vereinheitlicht. Was bedeutet das?

Grundlage ist die überarbeitete EU-Pauschalreiserichtlinie. Diese berücksichtigt Online-Angebote und stärkt den Verbraucherschutz. Zudem soll in allen EU-Mitgliedstaaten das gleiche Recht gelten. Durch die Umsetzung der Richtlinie wird das deutsche Reiserecht geändert. Neu sind vor allem Regelungen zur Reisevermittlung und die Vermittlung sogenannter verbundener Reiseleistungen.

Weiterhin werden die reiserechtlichen Informationspflichten erweitert, die nun auch stärker den reinen Vermittler treffen. Es gibt eine Vielzahl von Formblättern, die bei der Buchung einer Pauschalreise oder bei der Vermittlung von verbundenen Reiseleistungen an den Kunden übergeben werden müssen.

Welche Reisen unterliegen dem neuen Recht?

Die neuen Regelungen betreffen die Anbieter von Pauschalreisen, die Reisevermittler sowie die Vermittler von touristischen Einzelbausteinen als verbundene Reiseleistung – zum Beispiel Flug und Hotel. Beherbergungsbetriebe können zum Reiseveranstalter werden, wenn sie mehrere Leistungsbestandteile kombinieren und als Paket anbieten, sie können aber auch Vermittler verbundener Reiseleistungen sein, wenn sie neben der Übernachtung zugleich Reiseleistungen anderer Anbieter vermitteln beispielsweise Stadtführungen oder Eintrittskarten.

Die gewerbliche Vermarktung von Ferienwohnungen oder Ferienhäusern als Einzelleistung unterliegt nach neuem Gesetz nicht mehr dem Pauschalreiserecht. Auch Tagesreisen bis 500 Euro sind nun nicht mehr abgedeckt. Beides war bislang eine Besonderheit des deutschen Reiserechts, das im Zuge der europaweiten Angleichung zu Lasten des Verbrauchers entfällt.

Worauf muss der Verbraucher beim Buchen besonders achten?

Der Verbraucher sollte die nun zwingend erforderliche Information und Transparenz einfordern. Das Reisebüro muss dem Urlauber nun ein Formblatt aushändigen, auf dem klar steht: Du kaufst eine Pauschalreise oder eine verbundene Reiseleistung. Transparenz sollen Reisende auch bei Online-Portalen bekommen. Diese verkaufen ebenfalls klassische Pauschalreisen. Meist vermitteln sie aber nur Leistungen anderer, auch wenn die Reise wie ein fertiges Paket aussieht – eine verbundene Reiseleistung. Hier gilt dann analog wieder: Das Portal muss aktiv darüber informieren. Und es muss eine Insolvenzabsicherung haben, sofern es Kundengelder kassiert. Damit werden Internetportale Reisebüros gleichgestellt.

Was ändert sich bei der Haftung, wenn sich Kunden über ihren Urlaub beschweren wollen?

Bislang konnten Urlauber maximal bis einen Monat nach der Reise Mängel anzeigen, um Geld vom Veranstalter zurückzubekommen. Künftig ist dies bis zwei Jahre nach der Reise möglich.

Wie sieht es künftig beim Reiserücktritt und den Stornosätzen aus?

Vor Reiseantritt können sowohl der Reiseveranstalter als auch der Reisende wegen unvermeidbaren, außergewöhnlichen Umständen kündigen. Nach Reiseantritt kann nur noch der Reisende nach kündigen. Der Reiseveranstalter kann nach wie vor Stornogebühren bei einem Reiserücktritt verlangen. Er muss aber die Höhe der Entschädigung auf Nachfragen des Reisenden begründen.

Die Stornosätze sollen den konkreten individuellen Gegebenheiten des jeweiligen Reiseveranstalters und dessen Reisearten angepasst sein. Sie können als Geldbetrag oder als Prozentsatz vom Reisepreis bestimmt werden. Hier wird es weiterhin der Rechtsprechung überlassen bleiben, was als eine zulässige Höhe von Stornogebühren anzusehen ist.

Können die Veranstalter die Preise nach der Buchung erhöhen?

Bisher konnte ein Urlauber den Reisevertrag kostenlos kündigen, wenn der Veranstalter den Preis nach der Buchung um fünf Prozent und mehr erhöhte. Künftig ist dies erst ab acht Prozent möglich. Außerdem durfte bislang der Preis binnen vier Monaten vor Reisebeginn gar nicht mehr erhöht werden. Dieser Schutz beginnt künftig erst 20 Tage vor Reisebeginn. Der Veranstalter bekommt zudem mehr Spielraum bei Leistungsänderungen nach der Buchung, etwa dem Austausch des Hotels. Wenn der Reisende nicht aktiv widerspricht, gelten die Änderungen als akzeptiert.

Was heißt hier "all-inclusive"?

Macht es für Verbraucher Sinn, vor dem 1. Juli eine Reise zu buchen?

Anwendbar wird das neue Recht für alle Buchungen sein, die ab dem 1. Juli 2018 im Reisebüro getätigt werden. Ob es für den einzelnen Verbraucher Sinn macht vorher seine Reise zu buchen, hängt von den Reisekomponenten ab. Ich erinnere daran: Das Pauschalreiserecht gilt künftig nicht mehr für Ferienwohnungen und Ferienhäuser aus dem Angebot von Reiseveranstaltern. Darüber hinaus sind regelmäßig Verbesserungen zugunsten des einzelnen Verbrauchers zu erwarten.

Was ändert sich bei den Zahlungsbedingungen für Kunden?

Ausschlaggebend für die Richtlinie ist jedenfalls immer die Art des Angebots und die Möglichkeit der Buchung, nicht jedoch die möglicherweise getrennten Zahlungsvorgänge.

Sind die Veranstalter an das neue Recht gebunden oder können sie Verbrauchern weitere Rechte einräumen?

Weitergehende Rechte zugunsten des jeweiligen Verbrauchers können vertraglich vereinbart werden.

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