Allerlei Kostbarkeiten

Von Nitribitt bis Cohn-Bendit: Hessens zeithistorisches Gedächtnis

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Der wissenschaftliche Archivar Johann Zilien hat  in Wiesbaden im Hessischen Hauptstaatsarchiv eine Urkunde des Klosters Eberbach aus dem Jahr 1183, ausgestellt vom Mainzer Bischof, auf einen Tisch gelegt.

Wiesbaden - Hessens Behörden müssen ihre Akten im Hauptstaatsarchiv abliefern. Dort findet sich der Hausschlüssel von Rosemarie Nitribitt - und die Tonband-Protokolle zum Auschwitzprozess. Manche Kostbarkeit lagert atombombensicher im Keller.

Im Büro von Johann Zilien stapeln sich derzeit vergilbte Akten der Frankfurter Gefängnisverwaltung aus der Zeit von 1945/46. Sieben Jahrzehnte sind seitdem vergangen. Doch immer noch erhält das Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden altes Material, das dann bewertet und dokumentiert werden muss. "Das ist mein Tagesgeschäft", sagt der wissenschaftliche Archivar. Der Historiker stößt dabei auf manche Merkwürdigkeit. Der Papiermangel war nach dem Krieg so groß, dass zur Aufbewahrung auch Umschläge mit dem Nazi-Adler Verwendung fanden.

Mit rund 75 Regalkilometern Lagerkapazität auf sieben Geschossen ist das Wiesbadener Archiv das zeitgeschichtliche Gedächtnis Hessens. Fast lückenlos kann dort beispielsweise nachverfolgt werden, mit was sich die Justiz des Landes seit der Gründung des Bundeslandes beschäftigt hat. Denn alle obersten Landesbehörden müssen ihre Akten an Wiesbaden abgeben. So sieht es das Gesetz vor. Dort entscheiden dann die Archivare, was für die Ewigkeit aufbewahrt werden soll.

Dazu gehören spektakuläre Prozesse oder politische Verfahren, wie Zilien sagt. So finden sich im Archiv die Ermittlungsakten im Fall der Frankfurter Edel-Prostituierten Rosemarie Nitribitt, deren Ermordung im Jahr 1957 bis heute ungelöst ist und immer noch die Nachwelt beschäftigt. In den Magazinen in Wiesbaden werden sogar noch die alten Wohnungsschlüssel der Nitribitt in einem Umschlag verwahrt. Prozesse sind stets auch ein Spiegel des gesellschaftlichen Wandels. So geht es bei Nitribitt auch um das Wirtschaftswunder in den 1950er Jahren - und seine Kehrseite. Ein gutes Jahrzehnt später bewegte der Studentenprotest das Land - Frankfurt war neben Berlin die bundesweite Speerspitze. Das Archiv besitzt daher auch Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft gegen die damaligen Protagonisten in der Szene wie etwa Daniel Cohn-Bendit oder Joseph Martin Fischer. Der Frankfurter Ober-Sponti sollte später unter seinem geläufigen Vornamen Joschka Bundesaußenminister werden.

Zehn Dinge, die jeder Hesse kennen sollte

Die zahlreichen Akten dazu dürfen aber von der Öffentlichkeit noch nicht eingesehen werden. Bei personenbezogenen Daten wird Zugang erst zehn Jahre nach dem Tod des Betreffenden gewährt - oder 100 Jahre nach der Geburt. Die von Hessen ausgegangene Aufarbeitung des dunkelsten Kapitel der Nachkriegsgeschichte - der Judenvernichtung im Nationalsozialismus - hat das das Archiv ebenfalls dokumentiert. In den Magazinen finden sich Hunderte von Prozessakten zum Auschwitz-Prozess, den der Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer in den 1960er Jahren initiiert hat. Aber auch zu den ebenfalls in Frankfurt angestoßenen Ermittlungen gegen den berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele gibt es allein mehr als 200 Akten.

Hessens Regierungsbehörden müssen ihren Bestand ebenfalls an das Archiv weitergeben. Aus der Hessischen Staatskanzlei sind bereits rund 2000 Akten sicherungsverfilmt worden, die die Jahre 1945 bis 1975 erfassen. Dokumentiert sind auch wichtige Staatsbesuche wie etwa der von John F. Kennedy 1963 oder der von Queen Elizabeth 1965 in Hessen. Immer mehr Teile des Archivs wurden bereits digitalisiert - auch alle 103 verwahrten Tonbandaufnahmen vom Auschwitz-Prozess einschließlich der 454 Gerichtsakten. Sie haben jetzt gute Chancen, ins Welt-Dokumentenregister der UNESCO aufgenommen zu werden.

500 Mikrofilme mit einer Million Aufnahmen werden jedes Jahr in den "Barbarastollen" im Schwarzwald gebracht. In dem atombombensicheren ehemaligen Silberbergstollen deponieren Bund und Länder schon seit Jahrzehnten die Kulturgüter, die auf jeden Fall für die Nachwelt erhalten werden sollen. Seit Beginn der "Bundessicherungsverfilmung" sind aus Hessen inzwischen rund 42.000 Mikrofilme belichtet worden. Atombombensicher ist aber auch ein Teil des Wiesbadener Archivs, das 1985 noch in den Zeiten des "Kalten Kriegs" gebaut wurde. Im Tiefgeschoss im Keller werden daher hinter schweren Stahltüren Kostbarkeiten aus der Zeit aufbewahrt, als es das heutige Hessen noch gar nicht gab. Dazu gehört etwa eine Bulle von Papst Alexander, der 1163 dem Kloster Eberbach im Rheingau besondere Privilegien erteilte. Besonderer Schutz wird auch einem preisgekrönten Entwurf für den silber-rot-gestreiften Hessen-Löwen zuteil. Das Design geht auf den Frankfurter Städelschüler Gerhard Matzat zurück, der 1949 das Wappen für das neue Bundesland gestaltete.

Für Zeitgeschichte ist Wiesbaden zwar führend. Doch es nicht das einzige Staatsarchiv in Hessen. Noch ältere Dokumente beherbergt das Staatsarchiv Marburg, das vor allem für den nördlichen Landesbereich zuständig ist. Als dritte Säule deckt das Staatsarchiv in Darmstadt das Gebiet des ehemaligen Großherzogtums Hessen-Darmstadt ab. An Arbeit mangelt es allen nicht. In Wiesbaden werden die 75 Regalkilometer - ein Meter umfasst acht Akten - schon bald nicht mehr ausreichen. "In den 2020er Jahren werden wir überlaufen", sagt Landeshistoriker Zilien.

Auf ein ganz besonderes Dokument kann der 53-Jährige jeden Tag im eigenen Büro einen Blick werfen. An der Wand hängt ein Doppelstück der berühmten Proklamation Nr. 2, mit der im September 1945 die US-Militärverwaltung das damalige Groß-Hessen aus der Taufe hob. Ein gutes Jahr später - am 1. Dezember 1946 - wurde dann die Verfassung angenommen. Das Original dieses Dokuments wird allerdings nicht im Staatsarchiv, sondern im Landtag aufbewahrt. (dpa)

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