Demontage der Skulptur wird kritisch diskutiert

Erdogan-Statue: Öffentliche Sicherheit gegen Kunstfreiheit

Wiesbaden - Eins lässt sich nach dem Wirbel um die Erdogan-Statue in Wiesbaden mit Sicherheit sagen: Die Provokation ist den Machern des Theater- und Kunstfestivals Biennale trefflich gelungen. Von Jan Brinkhus und Bernd Glebe

Diese goldfarbene, vier Meter hohe Statue des türkischen Machthabers mitten in der Innenstadt ist ein PR-Coup, der die Biennale bundesweit in die Schlagzeilen gebracht hat. Doch schon nach etwa 24 Stunden – weit früher als geplant – war die Kunstaktion zu Ende.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ist unbestritten eine Reizfigur, für die in Deutschland lebenden Menschen mit kurdischem Hintergrund ist er ein rotes Tuch. Schon seit Langem gibt es kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Türken und Kurden. Erdogan lässt das Militär seit einigen Monaten zudem im Norden Syriens gegen die Kurdenmiliz YPG vorgehen, den syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Der türkisch-kurdische Konflikt wird immer wieder auch in Deutschland spürbar – etwa bei Protestkundgebungen der Kurden mit vielen tausend Teilnehmern.

Entsprechend heftig fielen die Reaktionen auf kurdischer Seite aus. „Kunst soll und kann provozieren“, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Kurdischen Gemeinde Deutschland, Mehmet Tanriverdi. Doch die Aktion habe mit Kunst nichts mehr zu tun. „Ein Kunstobjekt von einem Diktator, der ständig provoziert, der heftig unter Türken und Kurden diskutiert wird, der dutzende Deutsche als Geiseln in der Türkei hält, der Tausende eingesperrt und Krieg gegen die Kurden erklärt hat, hat in Wiesbaden nichts zu suchen. Es war richtig, dass man diese Statue aus Sicherheitsgründen entfernt hat.“

Vertreter türkischer Organisationen fanden die Kunstinstallation dagegen durchaus gelungen. „Wenn Kunst es schafft zu irritieren und dadurch ein Raum entsteht, indem wir uns begegnen können, um über Demokratie und Menschenrechte zu diskutieren, ist das positiv“, sagte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu. Ähnlich äußert sich der Vorsitzende des türkischen Moscheeverbands Ditib in Hessen, Salih Özkan.

Bilder: Goldene Erdogan-Statue in Wiesbaden

Die Grenze zum Diskurs schien aber am Dienstagabend überschritten, als sich die Stimmung in Hessens Landeshauptstadt aufheizte, gewalttätige Zusammenstöße drohten und Informationen über Protestierende aus dem ganzen Bundesgebiet kursierten. Ob die Verantwortlichen voreilig handelten, darüber gab es gestern geteilte Meinungen. Es stehe Kunstfreiheit gegen öffentliche Sicherheit, lautet der Tenor aus der Kunst- und Kreativszene.

Die Sicherheitsbedenken der Stadt würden zwar respektiert, erklärten die Kuratorinnen Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer. „Die Aneignung des öffentlichen Raumes durch politische Kunst und ihr Schutz ist jedoch ein ebenso hohes Gut.“ Die Macher der Biennale würden derweil eine ähnliche Aktion wieder starten – trotz massiver Anfeindungen, denen sie sich ausgesetzt sahen.

Was mit der Erdogan-Statue passiert, ist noch unklar. Das Gipskunstwerk lagert bei der Feuerwehr. Dass es bis zum Abschluss des Kunst- und Theaterfestivals noch einmal zum Einsatz kommt, wollte Kuratorin Ludewig zumindest nicht vollständig ausschließen. (dpa)

Rubriklistenbild: © dpa/Sebastian Stenzel

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