Zeitpunkt reif für Investitionen

ÖPNV: Experten begreifen Debatte über Gratis-Tickets als Chance

Offenbach - Der Vorschlag der Bundesregierung für einen zeitweise kostenlosen Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) sorgt weiter für Diskussionen. Viele kritisieren die ungeklärte Kostenfrage. Doch nicht alle sehen die Überlegungen skeptisch.

Die Idee an sich klingt reizvoll. Das hat jedenfalls der Kasseler Verkehrswissenschaftler Carsten Sommer gedacht und sich in einem Forschungsprojekt die Frage gestellt: „Welche Kosten verursachen verschiedene Verkehrsmittel wirklich?“ Er kam zu einer klaren Antwort: Der Radverkehr erhält die geringsten Zuschüsse. Der Pkw-Verkehr in einer deutschen Großstadt kostet die öffentliche Hand und die Allgemeinheit etwa das Dreifache der Summe des ÖPNV. Denn der Pkw-Verkehr erfordert zwar – wie der ÖPNV – Investitionen in die Infrastruktur, bringt aber den Kommunen keine unmittelbaren Einnahmen.

Anknüpfend daran begrüßt Professor Jürgen Follmann, Verkehrswissenschaftler an der Hochschule Darmstadt, die Debatte um kostenlosen ÖPNV: „Wir sollten die Idee einfach mal in einer Modellregion ausprobieren, anstatt sie sofort grundlegend abzulehnen.“ Letztlich gehe es immer um die Frage, wie Steuergeld am sinnvollsten eingesetzt werde.

Zweifellos, räumt der Rodgauer ein, reiche die Infrastruktur im Rhein-Main-Gebiet derzeit nicht aus, um das Angebot in hohem Maße auszuweiten. Der Zeitpunkt sei allerdings reif, um endlich in die Infrastruktur zu investieren und beispielsweise damit zu beginnen, den Pkw Fahrspuren wegzunehmen und dem Bus- und Radverkehr zur Verfügung zu stellen.

Bus, Bahn und Tram -Metropolen im Test

Es müsse ja auch nicht gleich ein kostenloser ÖPNV sein, meint Follmann. Vielleicht könne man ja einen akzeptablen Preis ermitteln. Etwa einen Euro pro Tag (siehe Kasten): „Das ist ein interessanter Ansatz“, sagt der Verkehrsexperte. Vorstellbar sei auch eine Flatrate, etwa ein Bürgerticket für 20 Euro im Monat: „Damit hätte man einen Sockelbetrag, um in den ÖPNV zu investieren.“ Und Fahrkartenautomaten wären plötzlich Geschichte.

Das staatlich subventionierte Auto werde zwar auch in Zukunft einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft haben, so Follmann. Freilich werde es in den Städten an Bedeutung verlieren, wenn es tatsächlich zu Fahrverboten für Diesel-Pkw kommen sollte. Deutschland droht eine Klage der EU, weil seit Jahren in vielen Städten Grenzwerte beim Ausstoß von Stickoxiden nicht eingehalten werden.

Follmann plädiert daher dafür, die Debatte um einen kostenlosen Nahverkehr als Chance zu begreifen: „Der Ansatz ist total spannend. Man sollte ihn nicht gleich verteufeln.“ (cz/mid)

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare