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Hausbesuch als Auslaufmodell

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Von: Peter Schulte-Holtey, Angelika Dürbaum

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Offenbach – Da ist Ärger programmiert: „Wenn wir die Vergütung für Hausbesuche nicht deutlich anheben, werden sie perspektivisch nicht mehr stattfinden können“, droht der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Von Peter Schulte-Holtey und Angelika Dürbaum

Bisher habe in Verhandlungen mit dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) keine Verbesserung erreicht werden können. Gassen zufolge werden derzeit Hausbesuche mit etwa 23 Euro bezahlt, hinzu komme noch eine kleine Fahrpauschale. Für Gassen kar zu wenig: „Wenn der Klempner kommt, nimmt er schon teilweise 45 Euro für die Anfahrt. Da hat er die Tasche noch nicht mal ausgepackt.“

AOK Hessen und GKV widersprechen. „Ein Arzt bekommt selbstverständlich mehr als nur diese Vergütung samt Zuschlag, sondern es kommen weitere Vergütungsbestandteile hinzu, etwa für Verordnungen und Untersuchungen bei den Patientinnen und Patienten daheim“, kontert die AOK im Gespräch mit unserer Zeitung. Laut GKV-Sprecher Florian Lanz erhält ein Arzt für einen Hausbesuch am Tag 86 Euro, nach 19 Uhr sind es 112 Euro, nachts 131 Euro. Dazu komme eine Wegepauschale. Die 86 Euro beziehen sich nach GKV-Angaben auf den ersten Besuch eines Arztes bei einem Patienten über 75 Jahre im Quartal. 79 Prozent der normalen Hausbesuche führen demnach zu Patienten über 75 Jahre. Laut AOK gibt es in Hessen bereits bei Patienten ab 60 Jahre einen Zuschlag.

Eugen Brysch, Chef der Deutschen Stiftung Patientenschutz, verweist darauf, dass die Zahl der Hausbesuche stark zurückgegangen sei: um rund ein Fünftel in acht Jahren. Das sei „alarmierend. Aber offenkundig sind die Streithähne von Kassenärztlicher Vereinigung und den Gesetzlichen Krankenkassen nicht zu einer Lösung im Sinne der Patienten bereit.“ Nun sei Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gefordert.

Für den Deutschen Hausärzteverband ist die Aufwertung von Hausbesuchen überfällig. „Dazu gehören sowohl eine deutlich bessere Vergütung als auch eine Entbudgetierung dieser Leistung“, fordert der Bundesvorsitzende Ulrich Weigeldt. Auch wenn im geplanten Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) die Hausbesuchszeiten nun doch zur Anzahl der Mindestsprechstunden angerechnet werden, gehe der Gesetzentwurf an der hausärztlichen Versorgungsrealität vorbei.

Weigeldt erklärt: „Die vorgesehene Erhöhung der vorgeschriebenen Mindestsprechstundenzeiten von 20 auf 25 Stunden pro Woche löst keine Probleme.“ Denn schon heute böten die meisten Hausärzte deutlich mehr als 25 Sprechstunden in der Woche an.

Werbung für Einsatz von Praxisassistenten:

Eckhard Starke, Vize-Vorstandschef der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, macht sich für den Einsatz von besonders geschulten „Nichtärztlichen Praxisassistenten“ (NäPA) stark. „Sie besuchen Patienten, haben den direkten Draht zum Arzt und können Routineuntersuchungen durchführen“, wirbt Starke. Sie entlasten laut KV damit die Ärzte, die dann weniger Hausbesuche machen und somit mehr Zeit für Patienten in ihrer Praxis haben. „Dies belegen auch eindrücklich die Abrechnungszahlen“, bestätigt eine Sprecherin des Verbandes unserer Zeitung. (psh)

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