Lange Suche nach Geburtshelferinnen

Stark gefragte Hebammen

Kassel/Offenbach - Der Mangel an Hebammen ist nicht zu übersehen: Einige hessische Kliniken haben Frauen an Kreißsälen bereits abgewiesen. Von Yvonne Fitzenberger

Eltern suchen lange vor der Geburt per Kleinanzeige nach einer der begehrten Geburtshelferinnen – die nicht selten hoffnungslos überfordert sind. Voller Spannung wartet das Paar auf das Ergebnis des Schwangerschaftstests – es ist positiv. Was eigentlich für viele die schönste Nachricht ist, kann sich schnell zur kräftezehrenden Mission entwickeln: Wer Nachwuchs erwartet, braucht eine Hebamme. Und das möglichst sofort. Denn es besteht ein Mangel in der Vorsorge und der Wochenbettbetreuung.

„Am besten melden sich werdende Eltern, sobald der Schwangerschaftstest trocken ist“, sagt Katharina Desery, zuständig für die Pressearbeit des Vereins Mother Hood. Die Situation für Schwangere sei dramatisch, berichtet sie.

Das bestätigt auch ihre Kollegin Franziska Kliemt, Landeskoordinatorin der Initiative Mother Hood in Hessen. „Frauen werden vermehrt an Kreißsälen abgewiesen“, sagt sie. Werdende Mütter konnten laut Kliemt in Krankenhäusern in Darmstadt, Wiesbaden und Frankfurt nicht aufgenommen werden.

Wenn Schwangere dann ein Bett in einer Klinik beziehen, sorgt eine Hebamme teils für drei bis fünf Mütter. Dadurch sei die Betreuung nicht ausreichend. „Frauen suchen bereits per Kleinanzeige nach einer Hebamme“, entrüstet sich Kliemt. Die werdenden Eltern bieten höhere Entlohnung, damit sie sich die Hilfe einer Hebamme sichern können. „Dadurch entsteht am Wochenbett eine Zweiklassen-Betreuung.“

Die Frauen haben durch die schwierige Suche und mangelnde Unterstützung Angst, berichtet Kliemt. Dabei müsse die Geburt ein sicheres und angstfreies Ereignis sein. „Sie bildet die emotionale Grundlage für die Beziehung zwischen Mutter und Kind“, ist die Landeskoordinatorin überzeugt. In der Realität seien die Frauen alleine und überfordert. „Dadurch steigt die Gefahr, dass sie ihr Kind ablehnen.“ Daher sei es wichtig, dass der Start ins Leben für die Kinder ohne Hindernisse und Probleme möglich ist.

Die andere Seite: Hebammen sind überarbeitet. Ähnlich wie bei anderen Pflegeberufen kämpfen sie mit stetig steigender Belastung und fehlenden Kollegen. „Die Überlastung führt zum Burn-out oder zum Auskühlen“, berichtet Kliemt. Auskühlen ist das Gegenteil vom Burn-out. Die Betreuerinnen laufen Gefahr, gegenüber Patienten gleichgültig zu werden. Es mangele ihnen dann an Empathie.

„Fest angestellte Hebammen arbeiten zu 70 Prozent in Teilzeit“, erklärt der Deutsche Hebammenverband. Dazu komme, dass laut einer Einschätzung der Deutschen Krankenhausgesellschaft jede fünfte Stelle im Kreißsaal nicht besetzt sei. Laut Hebammenverband fehlen in den Kreißsälen 1,6 Betreuerinnen in Vollzeit. „Zudem wissen wir, dass sich viele Hebammen aus Teilen ihrer Tätigkeit zurückgezogen haben“, sagt der Verband. Das betreffe überwiegend die freiberufliche Geburtshilfe.

Fragen vor der Geburt - Baby-Planner helfen werdenden Eltern

Zu hohe Haftpflichtprämien, geringe Vergütung und steigender Druck mindern die Attraktivität für Hebammen. Gerade im Rhein-Main-Gebiet lassen sie sich aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten ungern nieder, berichtet Gabriele Kopp, Vorsitzende des Landesverbandes Hessischer Hebammen. Dabei steige die Nachfrage nach Hebammenhilfe stark. „Der Mangel ist bekannt, es gibt weniger Hilfe innerhalb der Familien und größere Unsicherheit bei Müttern, die immer früher aus Kliniken entlassen werden“, erklärt der Hebammenverband sich die große Nachfrage.

Der Deutsche Hebammenverband dokumentiert die Engpässe bundesweit mithilfe der „Landkarte der Unterversorgung“. Werdende Eltern melden, wo für welche Leistung und für welchen Geburtstermin sie keine Hebamme finden. Zurzeit zählt die Karte rund 15.000 Einträge. Mehr als 4 000 der Engpässe wurden in und um Frankfurt gemeldet.

Infos unter www.unsere-hebammen.de/mitmachen/unterversorgung-melden/

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare