3800 "flerschemerische" Wörter

Flörsheim: Von Oigeblaggden und Aachedeggeln

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Fahne mit hessischem Landeswappen

Flörsheim - Ein alter Mann und ein junger Mann wollen gemeinsam den Dialekt einer kleinen Kommune im Speckgürtel Frankfurts bewahren. 3800 "flerschemerische" Wörter haben sie schon zusammengetragen.

Ihr Motto: "Koon oone konn ohne oon onnern". Verstehen Sie nicht? Dann sind Sie nicht aus Flörsheim. "Flerschemerisch" heißt der regionale Dialekt, der in dem fluglärmgeplagten Ort im Main-Taunus-Kreis gesprochen wird. Damit der nicht verloren geht, haben Hans-Jakob Gall und Alexander Rühl tausende Begriffe gesammelt und ein Wörterbuch herausgegeben.

Auch in anderen Kommunen Hessens gibt es Initiativen, um den örtlichen Dialekt zu bewahren. Unterstützt werden sie von Prof. Ernst Erich Metzner, emeritierter Professor für Mediävistik an der Frankfurter Goethe-Universität. Er hält es für eine gute und wichtige Sache, bedrohte Regional-Dialekte aufzuschreiben und warnt vor der "endgültigen Gefährdung der Mundart und des Mundartgebrauchs durch die modernen Massenmedien und den allgemeinen Drang und Zwang zur Globalisierung".

Hans Jakob Gall (81) und Alexander Rühl (42) stecken seit Jahren viel Zeit in das Projekt. Gall ist Flörsheimer "Ureinwohner", wie Metzner im Vorwort schreibt, Rühl ein "Oigeblaggder" (Zugezogener). Dass sie zusammenfanden, daran ist ein Regional-Krimi schuld: Eine der Figuren in seinem Buch sollte Dialekt sprechen und Rühl wusste nicht, wie man das schreiben soll. Er suchte Rat bei Gall, der als "Eiern Honnes" (Euer Hannes) regelmäßig Kolumnen in der Lokalzeitung schreibt.

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Rühl ist IT-Consultant und kümmert sich um die Homepage www.flerschemerisch.de. Gall ist gelernter technischer Zeichner und war Mitinhaber einer Firma für Schweißtechnik. Seit er in Rente ist, bewahrt er das - historische wie sprachliche - Erbe Flörsheims. Das Flerschemerische hat eigene Worte, für die der Nicht-Flörsheimer in der Tat ein Nachschlagewerk benötigt, zum Beispiel "Umitz" für Ameise und "Schessmelle" für Unkraut. Manches deckt sich mit dem Hessischen wie "Dippe" für Topf, ein Ausdruck, der auch dem Frankfurter dank der "Dippemess" geläufig ist. Vieles ist geradezu poetisch wie "Aachedeggel" für Lid oder "Schlubbhos" für Unterhose.

Das Hauptproblem ihrer Arbeit: Wie schreibt man etwas, das gerade dadurch charakterisiert ist, dass man es eben nur spricht? Wissenschaftliche Lautschrift wollten sie bewusst nicht verwenden, schließlich soll jedermann soll das lesen können. Sie entschieden sich dafür, "die im Hochdeutschen gebräuchlichen Verkürzungen oder Verlängerungen von Lauten auf die Mundart zu übertragen", sagt Gall. Will man zum Beispiel "das ist ein" auf Flörsheimerisch schreiben, wäre "des is en" falsch, denn es würde gelesen wie "dees iis een". Der Flörsheimer dehnt aber nicht die Vokale vorn, sondern die Konsonanten hinten. Also heißt es "dess iss enn". Schwierig wird es, wenn es um die exakte Färbung der Laute geht, dann hilft dieses System nichts. "Aber 90 Prozent kriegen wir hin", glaubt Gall.

Gestritten - "nein: diskutiert!" - wird trotzdem ab und zu. "Stoo" oder "Sto" für Stein? "Forz" oder "Forrz" für Pups? Getreu dem Motto "Koon oone konn ohne oon onnern" (Kein einer kann ohne einen anderen) wird das erst im Team besprochen und dann auf öffentlichen Veranstaltungen zur Diskussion gestellt.

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Aus Galls schriftlicher Sammlung wurde dank Rühl zunächst ein Online-Lexikon. 2012 erschien die erste gedruckte Ausgabe: Das erste "Flerschemer Werrderbuch" enthielt 2400 Begriffe. Zwei Jahre später gab es eine 400 Seiten starke Neuauflage mit bereits 3800 Wörtern. Neben "Flerschemerisch - Hochsprachlich" und "Hochsprachlich - Flerschemerisch" enthält es auch typische Redewendungen, Kurzformen und eine CD mit Original-Sound. Die Verkaufszahlen sind gering. Von den 250 gedruckten Exemplaren der zweiten Auflage sind noch 100 übrig. Wieviele der 20.000 Einwohner Flörsheims sprechen eigentlich noch "flerschemerisch"? "Einige wenige - und die nicht immer", gibt Gall zu. Die Fastnachter in ihren Sitzungen zum Beispiel. Aber wenn die Mitglieder nach Hause gehen, bleibt nur eine Färbung und einzelnen Begriffe. Für Alexander Rühl ist der Dialekt seiner Wahlheimat eine Zweitsprache. Mit Frau und Kindern und im Job spricht er akzentfreies Hochdeutsch.

Ein Nicht-Hesse, der mit Mühe den Dialekt der Wetterau von dem in Südhessen unterscheiden kann, mag sich wundern: Ist Flörsheimerisch denn wirklich anders als der Dialekt in der Umgebung? "Schon in Wicker sprechen sie anders", behauptet Gall. Es handelt sich wohlgemerkt um einen eingemeindeten Stadtteil. Flörsheim liege "dialektologisch im Übergangsgebiet zwischen Süd- und Zentralhessisch", erklärt Lars Vorberger vom Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas in Marburg. Das Projekt von Gall und Rühl findet er "sehr interessant". Ohne Lautschrift sei zwar "eine lautliche Präzision nicht möglich", es gehe aber ohnehin eher um das Bewahren des Wortschatzes. "Der wissenschaftliche Nutzen ist auf jeden Fall vorhanden." (dpa)

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