Pläne für Bereitschaft kritisiert

Augenärzte lehnen Vorstoß der Kassenärztlichen Vereinigung ab

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Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen will einen augenärztlichen Bereitschaftsdienst aufbauen. Ärzte in der Region erklärten hingegen: „Wir haben in Offenbach-Land/Dieburg seit 30 Jahren einen funktionierenden Notdienst.“

Offenbach/Dieburg - Die augenärztliche Notfallversorgung soll in Hessen neu gestaltet werden; Augenärzte in den Regionen Offenbach und Dieburg indes bewerten die geplante Änderung kritisch. Von Frank Mahn 

Die projektierten neuen Strukturen des Bereitschaftsdienstes bringen nach Auffassung von Dr. Bernd Maaß keinerlei Verbesserung – weder für die Patienten noch für die Ärzte. Worum geht’s? Vor wenigen Tagen hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen angekündigt, landesweit an sechs Krankenhäusern Zentralen für augenärztliche Bereitschaftsdienste einzurichten. An der Frankfurter Uniklinik ist das Modell bereits angelaufen, Wiesbaden soll im Juli folgen. Sie dienen laut KV als Pilotprojekte, um Erfahrungen zu sammeln, die in die Planung der anderen vier Bezirke – Kassel, Bad Hersfeld, Gießen und Darmstadt – einfließen sollen.

Der Bereitschaftsdienst in Frankfurt ist an vier Tagen die Woche geöffnet, mittwochs und freitags von 16 bis 20 Uhr, samstags und sonntags von 9 bis 20 Uhr, plus Feiertage. Erreichbar sind sie unter der bundesweit einheitlichen Rufnummer 116117. Bislang, so die KV, gleiche die Versorgung in Hessen einem Flickenteppich und sei sehr kleinteilig organisiert. Viele Patienten würden fälschlicherweise den direkten Weg in eine der Augenkliniken wählen, die dadurch zunehmend überlastet seien. Künftig sollen die niedergelassenen Ärzte ihren Notdienst an kooperierenden Krankenhäusern leisten.

„Dieses Konstrukt ist als Ersatz für unsere gegenwärtige Notfallversorgung keine Verbesserung“, findet Dr. Bernd Maaß klare Worte. „Es leistet nicht das, was wir leisten. Wir haben in Offenbach-Land/Dieburg seit 30 Jahren einen funktionierenden Notdienst“, sagt der Leiter des augenärztlichen Qualitätszirkels Rhein-Main. Maaß, der seit 25 Jahren eine Praxis in Dreieich betreibt, kann in der Neuregelung keinerlei Vorteil erkennen. Seine Kollegen und er seien im Jahr zwei- bis dreimal mit dem Notdienst an der Reihe, schildert der 58-Jährige. „Flächendeckend an sieben Tagen die Woche.“ Der Dienst dauert werktags von 8 bis 19 Uhr, samstags, sonntags und feiertags von 10 bis 18 Uhr. Welcher Arzt dran ist, erfahren die Patienten über die Rettungsleitstelle in Dietzenbach oder unter der 112. Nachts ist seit jeher die Uniklinik Anlaufstelle.

In Notdienstwochen vergibt Maaß weniger reguläre Termine. Dass er an den sieben Tagen seiner Schicht 100 Fälle und mehr behandelt, ist keine Seltenheit. Wenn am Wochenende gerade mal nichts los ist, fährt der Mediziner auch mal nach Hause, ist per Handy aber stets erreichbar und zeitnah verfügbar. Die Notdienstnummer gibt’s über den Anrufbeantworter, sie steht auf seiner Homepage und in der örtlichen Presse. Der KV-Plan hingegen sieht vor, die niedergelassenen Augenärzte an einem eigens eingerichteten Untersuchungszimmer an den Kliniken fünf bis sechs Tagesdienste im Jahr einzuteilen. Den „festen Arbeitsplatz“ in der neuen Zentrale sieht die KV als Fortschritt, ebenso wie den Umstand, nicht mehr mehrfach täglich in die eigene Praxis fahren zu müssen.

Maaß sieht hier keinen Gewinn. „Ich werde meiner Infrastruktur beraubt, wenn ich mit meinem Köfferchen nach Frankfurt muss. In unseren Praxen können wir Dienstärzte auf ein eingespieltes Team bauen mit vollem Zugriff auf die eigene Infrastruktur, in Frankfurt nicht.“ Noch schlimmer ist aus Sicht des Mediziners ein anderer Aspekt: „Wenn ein Patient mit akuten Beschwerden zu mir kommt und von mir therapiert wird, möchte ich am nächsten Tag noch einmal den Verlauf kontrollieren.“ Mit dem neuen Konzept sei dies ausgeschlossen, für Maaß ist das nicht akzeptabel.

Als „absoluten Rückschritt“ bezeichnet er die für Montag, Dienstag und Donnerstag vorgesehene Regelung. Dann sollen sich Patienten an den Bereitschaftsdienst der Allgemeinärzte wenden oder wegen einer Beratung die 116117 wählen. „Das Spektrum der Diagnostik ist da eher gering. Es fehlen die technische Ausstattung und das ,Know-how’ eines Augenarztes“, kritisiert Maaß.

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Patienten können an den drei nicht durch die Zentrale abgedeckten Tagen auch zu ihrem Augenarzt gehen. Er selbst werde niemanden mit einem akuten Problem wegschicken, sagt der Arzt. Für Notfälle hat er täglich zehn Termine in die regulären Praxiszeiten integriert, natürlich überwiegend für eigene Patienten. Andere Kollegen handhabten das ähnlich.

Maaß hat noch Hoffnung, dass der Kelch an ihm und seinen Kollegen und den Patienten in der Region vorübergeht. Dazu müssten im Prinzip bei den beiden Pilotprojekten die negativen Erfahrungen die positiven überwiegen. Bis zum Jahresende ist der Fortbestand der gegenwärtigen ortsnahen Versorgung in jedem Fall gesichert. Soll heißen: So lange bleibt die Organisation des Notdienstes in Offenbach-Land/Dieburg unverändert. Im Übrigen sei die Planung für 2019 bereits angelaufen, so Maaß.

Unterdessen versucht Dr. Eckhard Starke, Vize-Vorstandschef der KV, die Wogen zu glätten: „Hessen hat ein von allen Bundesländern hoch anerkanntes und erfolgreiches Bereitschaftsdienstmodell entwickelt. Damit wurde der bisherige Flickenteppich abgeschafft. Jetzt laufen versuchsweise Modelle des augenärztlichen Hintergrunddienstes in Frankfurt und Wiesbaden.“ Zunächst müssten die Ergebnisse abgewartet werden.

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