Problem Personalmangel

Studie warnt vor Überlastung amtlicher Kinder- und Jugendhilfe

Offenbach - Zu viele Fälle für zu wenige Mitarbeiter: Jugendämter sind im Kampf gegen Kindesmisshandlung schlecht gerüstet. Eine Studie der Hochschule Koblenz legt zahlreiche Defizite offen.

Eine neue Studie belegt die schlechte Personalausstattung in Jugendämtern. Die Ergebnisse zeigten, dass die Bedingungen in der Kinder- und Jugendhilfe die professionelle sozialpädagogische Arbeit behinderten, sagt der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker. Er verweist auf hohe Fallzahlen und viele Dokumentationspflichten für Sozialarbeiter.

Vor allem fehlende Finanzen führten in vielen Kommunen zu schlechten Arbeitsbedingungen, fehlendem Personal und Fachkräftemangel, erläutert er. Sozialpädagogen und Sozialarbeitern im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) der Jugendämter werde es oft schwer gemacht, „die für die Familie bestmögliche Entscheidung zu treffen“.

Vorgelegt wurde die Erhebung von Kathinka Beckmann, Professorin an der Hochschule Koblenz. Befragt wurden 625 Mitarbeiter von Jugendämtern. Beckmann sagte, 35 Fälle je Vollzeit-Sozialarbeiter seien professionell angemessen. Sie habe mit ihrem Team bei vielen Diensten jedoch zwischen 50 bis 100 Fälle ermittelt. Folglich fehle Zeit, um in Gesprächen mit Kindern und Eltern niveauvoll arbeiten zu können.

Neben den Fallzahlen finden die Befragten fast ausnahmslos den gestiegenen Dokumentationsumfang problematisch. Fachkräfte verbringen zwei Drittel ihrer Arbeitszeit am Schreibtisch mit Dokumentationen.

Leseclubs für Kinder in digitalen Zeiten

Auch Verone Schöninger, Landesvorsitzende Hessen des Deutschen Kinderschutzbunds, sieht Jugendämter in der Pflicht. „Gut qualifizierte Personalausstattung ist unabdingbar, um zeitnah handeln und Kinder vor weiteren Gefahren schützen zu können“, sagt sie und fordert: „Die Verantwortlichen müssen dafür Sorge tragen; an fehlenden Finanzen darf der Kinderschutz nicht scheitern.“

Laut Schöninger sind Kinderschutzbeauftragte ein wichtiger Baustein, um auf örtlicher Ebene politisch mehr durchsetzen zu können. Schulsozialarbeit, qualifizierte zusätzliche Fachkräfte in Tagesbetreuungseinrichtungen, Jugendzentren und Vereinen gehörten dazu. Die Kinderschützerin: „Der Angst und Sorge der Kinder, ihre Eltern zu verraten, müssen wir entgegentreten. Pädagogische Fachkräfte müssen Zeit zum Zuhören haben und wissen, wo sie schnelle Hilfe erhalten.“ (epd/psh)

Wie sieht die Situation in Offenbach und Hanau aus?

Offenbachs Jugenddezernent, Bürgermeister Peter Schneider (Grüne), sieht die Stadt im Kampf gegen Kindesmisshandlung gut aufgestellt. Zugleich macht er deutlich, dass er sich eine bessere personelle Ausstattung der zuständigen Ämter wünsche. Dazu müssten Land und Bund den Städten allerdings mehr Geld zur Verfügung stellen.

Dem Kommunalen Sozialen Dienst in Hanau sind kürzlich bereits zusätzliche Stellen bewilligt worden. „Wir wissen um die prekäre Situation, dass Kinderschutz nur sichergestellt ist, wenn dafür ausreichend Personal zur Verfügung steht“, betont Stadtsprecher Joachim Haas-Feldmann. Momentan sei es aber schwierig, Leute zu finden, es gebe Fachkräftemangel. „Wir befinden uns in Auswahlgesprächen und hoffen, die freien Stellen zeitnah besetzen zu können.“ Unabhängig davon sei der Kinderschutz gewährleistet. Haas-Feldmann: „Über einen täglichen Bereitschaftsdienst werden Fälle umgehend bearbeitet, wenn wir von Gefährdungssituationen Kenntnis erhalten.“ (mt)

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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