Schwer vermittelbar

Problemhunde überfordern Tierheime – Zahl der verhaltensauffälligen Vierbeiner steigt

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Problemhunde überfordern Tierheime

Sie kommen direkt von der Straße, etwa aus Südosteuropa, oder über Hobbyzüchter online erworben, bleiben dann aber oft nur kurz bei ihren neuen Herrchen oder Frauchen: Bissig, aggressiv, verhaltensauffällig landen zunehmend Hunde langfristig im Tierheim.

Offenbach – Einen solchen Werdegang nehmen immer mehr Vierbeiner in Deutschland – und auch in der Region ist der Trend spürbar.

„Das Thema spricht uns aus der Seele“, sagt Nadja Czernetzki vom Tierheim Dreieich. 23 Hunde sind aktuell dort untergebracht, mehr als 80 Prozent davon sogenannte Problemhunde. „Bei uns werden meist nur verhaltensauffällige Tiere abgegeben“, berichtet Czernetzki – Tiere, die sich Menschen gegenüber aggressiv verhalten oder aber nicht mit einem bereits bei einem Halter vorhandenen Vierbeiner zurechtkommen. „Den netten, braven Familienhund gibt es bei uns nicht“, sagt sie.

Offenbach: Tierhalter informieren sich vorab nicht ausreichend

Gründe dafür sieht Czernetzki mehrere: Viele Menschen, die sich einen Hund anschaffen wollten, informierten sich vorab nicht genug über die An- und Herausforderungen, die das jeweilige Tier mit sich bringe. „Man will nur haben, haben, haben.“ Einen Kangal etwa – ein türkischer Herden-/Schutzhund – in einer Zweizimmerwohnung halten zu wollen, passe nicht zusammen. Viele Neu-Hundehalter wüssten auch nicht, dass diese Rasse in Hessen als „vermutlich gefährlicher Hund“ eingestuft wird. „Da greifen die Ordnungsämter ein“, so Czernetzki. Gute Hundetrainer, die regelmäßig mit einem Tier arbeiteten, könne sich ein Tierheim nicht leisten. „Da wird es immer wichtiger, dass normale Tierpfleger entsprechend qualifiziert sind.“

Auch das Offenbacher Tierheim beherbergt derzeit „überwiegend Hunde, deren Vermittlung auf den ersten Blick schwierig erscheint“, sagt Jennifer Hankel. Durchschnittlich sind hier 20 Hunde untergebracht, „wovon die Hälfte nur durch sehr gutes, qualifiziertes Fachpersonal betreut und trainiert werden kann“. Deshalb bildeten sich die Mitarbeiter stetig weiter, besuchten Seminare und Workshops, berichtet die stellvertretende Vorsitzende des Tierschutzvereins Offenbach, und ergänzt: „Dies stellt natürlich eine finanzielle Belastung dar.“

Offenbach: Hundeführerschein bringt nur bedingt was

Wäre ein bundesweiter Hundeführerschein eine Lösung? „Nur bedingt“, meint Hankel. Er könnte allgemeines Wissen abfragen, ändere vermutlich aber nichts daran, „dass Hunde angeschafft werden, die nur bedingt in das eigene Leben passen“. Außerdem müssten Erziehungsprobleme frühzeitig angegangen werden. Jede Rasse wurde für einen bestimmten Zweck gezüchtet, der Hund von heute müsse dagegen oft als „Partnerersatz, Gesellschaft und manchmal gar als Accessoire“ herhalten.

Die Problematik nehme bundesweit zu, bestätigt der Deutsche Tierschutzbund laut Medienangaben. „Eskaliert“ sei die Situation vor allem durch den Internet-Handel mit Welpen aus dem Ausland.

Als Reaktion auf diese Entwicklung haben sieben Tierheime und Vereine in Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen 2019 das Bündnis „Schattenhund“ gegründet. Mit dabei: das Tierheim Gelnhausen. „Wir kämpfen für Schattenhunde“, erläutert dessen Leiterin, Corina Wink, „also Hunde, die lange in Tierheimen verweilen. Viele dieser Schicksale hätten anders verlaufen können, wären die Weichen an verschiedenen Stellen richtig gestellt worden.“

VON NINA BECK

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