Familie geht vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte

Recht auf Heimunterricht?

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Heimunterricht ist in Deutschland nur in Ausnahmefällen möglich. Familie Wunderlich und ihre Rechtsbeistände setzen auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Straßburg -  Schule kann eine lästige Pflicht sein. Manchmal sehen das auch Eltern so und streiten vor Gericht für ein Recht auf Homeschooling, also Heimunterricht. Familie Wunderlich aus Ober-Ramstadt bei Darmstadt sieht sich in ihren Menschenrechten verletzt. Von Claudia Kornmeier 

Was ist das Problem bei häuslichem Unterricht?

Das Ehepaar Wunderlich unterrichtet seine vier Kinder zwischen 17 und elf Jahren zu Hause. „Wir hatten so ein schönes Familienleben“, sagte Vater Dirk Wunderlich gestern in Straßburg. „Das wollten wir nicht verlieren.“ Der deutsche Staat pocht aber auf die Schulpflicht. Die gläubigen Christen führen deshalb seit Jahren einen Rechtsstreit nach dem anderen. In einigen Monaten wird der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte über ihre Klage entscheiden müssen.

Ein skurriler Einzelfall?

Die Kultusministerkonferenz schätzt, dass bundesweit 500 bis 1000 schulpflichtige Kinder zu Hause unterrichtet werden.

Wie ist die Rechtslage in Deutschland?

Ausnahmen von der Schulpflicht sind in Deutschland kaum möglich. Das Bundesverfassungsgericht hält das für gerechtfertigt. 2014 entschied es: Die Allgemeinheit habe ein berechtigtes Interesse daran, religiös oder weltanschaulich motivierte Parallelgesellschaften zu verhindern. Anders als im Heimunterricht könnten sich Kinder in der Schule nicht vor einem Dialog mit Andersdenkenden verschließen.

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Wie sieht der Europäische Menschenrechtsgerichtshof das?

Genauso. In einer Entscheidung von 2006 heißt es klar: Es gibt kein Recht auf Heimunterricht. Zur Begründung schlossen sich die Straßburger Richter der Argumentation des Bundesverfassungsgerichts an. Außerdem könnten Eltern ihre Kinder auch nach der Schule entsprechend ihrer religiösen Überzeugungen erziehen.

Sind andere europäische Länder auch so streng?

Nein. Beim Homeschooling herrscht in Europa kein Konsens, stellte der Menschenrechtsgerichtshof fest. Familie Wunderlich wollte deshalb nach Frankreich auswandern, ein anderes Elternpaar brachte seine Kinder nach Österreich. Auch die Schweiz ist liberaler.

Wird Straßburg das Heimunterrichts-Verbot kippen?

Dirk Wunderlich erwartet das nicht. Er würde aber selbst eine vollständige Niederlage gelassen hinnehmen: „Unser Leben ist nicht mehr abhängig von der Entscheidung“, sagt er. „Wir werden völlig in Ruhe gelassen vom Jugendamt.“ Andreas Thonhauser, dessen Nicht-Regierungsorganisation die Wunderlichs in Straßburg vertritt, hofft, „dass eine Diskussion darüber in Gang kommt, ob ein komplettes Verbot noch zeitgemäß ist“. 

dpa

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