Regionale Vielfalt spielt Trümpfe aus

„Hessisches Äppelquartett“ wirbt für heimische Obstsorten

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Vom Baum zum Bembel: Hubert Gloss präsentiert das neue Äppel-Quartett.

Frankfurt - Wenn man sieht, womit Kinder heute spielen, könnte man meinen, kein Mensch interessiert sich mehr für Kartenspiele. Dem ist keineswegs so. Von Detlef Kinsler 

Zumindest wenn man eine konkrete Zielgruppe vor Augen hat, die altersmäßig nicht eingegrenzt ist, dafür aber starken Lokalpatriotismus besitzt. Da können selbst vermeintliche Nischenprodukte punkten und sogar zu Bestsellern werden. Wie zum Beispiel das 2014 veröffentlichte Frankfurter „Wasserhäuschen Quartett“, das in mehreren Auflagen erschien und so erfolgreich war, dass drei Jahre später noch eine zweite Folge mit anderen Büdchen nachgelegt wurde.

Jetzt überraschen die beiden Fotografen und hessischen Traditionsbewahrer Boris Borm und Hubert Gloss mit einem neuen Kartenspiel, dem „Hessischen Äppelquartett“. Mit Ottfried Schreiter holten sie einen dritten Mann ins Team, der sich mit seinem liebevoll gestalteten Poster „Apfelvielfalt“ empfahl. Sogar einen echten Pomologen als Berater leisteten sie sich mit Steffen Kahl. Schließlich war Fachwissen gefragt, um 32 hier angebaute Äpfel in den Kategorien Tafelapfel, Wirtschaftsapfel, Backapfel, Mostapfel, Brennfrucht, Dörrfrucht, Schaufrucht und Pomologische Rarität sinnvoll zu sortieren und Kategorien wie Entstehung (der älteste ist um 1175 datiert), Fruchtgröße (bis zu 100 mm), Äppelwei-Tauglichkeit, Verführungsfaktor und Gefährdungsgrad zu recherchieren.

Lernen Sie also den Freiherr von Berlepsch, den Ruhm aus Kelsterbach oder die Rheinische Schafsnase kennen. Während der Käufer beim Discounter irgendwann nur noch nach grünen, gelben und roten Äpfeln unterscheiden kann, wird er hier mit der ganzen Vielfalt regionaler Sorten konfrontiert. Das schafft Nähe und – so hoffen die engagierten Macher – auch Bewusstsein.

Unmöglich und absurd finden es die Vier, dass in Supermärkten Industrieäpfel aus China, Chile und Südafrika angeboten werden, während hierzulande alte, traditionelle Sorten auszusterben drohen, weil selbst die vom anderen Ende der Welt eingeflogenen Äpfel kostengünstiger angeboten werden können als die heimischen. „Wir sollten uns auf die Wochenmärkte besinnen“, meint Gloss. „und unser Verhalten mal überprüfen, wenn wir durch die Felder streifen, uns nicht nach Fallobst bücken, das dann zwangsläufig verrotten muss.“ Erhaltung durch Nutzung, heißt die Losung für Schreiter. „Lieber ein Apfel mit Wurm als einer mit langem Anfahrtsweg“, formuliert es Gloss gewohnt blumig. So wird ein Spiel zum Politikum.

Zehn Dinge, die jeder Hesse kennen sollte

Borm sieht den Apfel stellvertretend für ein grundsätzliches Problem. Die Bequemlichkeit des Menschen befeuert die Gleichmacherei auf allen Ebenen. „Dabei ist Vielfalt die Grundlage allen Lebens auf der Erde.“ Egal ob Wasserhäuschen oder Hessische Äpfel – „beides ist Hobby und Leidenschaft, Teil unserer Identität“, bekennen Borm und Gloss. „Wir leben den Apfel!“ Mit einem Blatt Karten den Menschen spielerisch Probleme zu vermitteln, das hat auch einen beiläufig didaktischen Aspekt. So lässt sich die Komplexität des Themas kompakt verdeutlichen.

„Das Hessische Äppelquartett“, 7,90 Euro, www.allesgude.de

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