Geschäftsführer Ringat im Interview

RMV: „Wir wollen neue, günstigere Tarife anbieten“

Offenbach - Fahrpreis-Reform, Investitionen in die Technik, Pünktlichkeitsoffensiven: Massive Anstrengungen für die Zukunft des öffentlichen Nahverkehrs fordert Knut Ringat, Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV). Von Peter Schulte-Holtey

Im Interview mit unserer Zeitung geht er auch auf den möglichen Bau einer Südtangente ein – von Aschaffenburg über Offenbach und den Flughafen bis in den westlichen Teil von Rhein-Main. Dabei handelt es sich um eine Trasse, die nicht auf den bereits überlasteten Frankfurter Tunnel angewiesen wären.

Herr Ringat, wie kommt der RMV beim Dauerstreitthema „gerechterer Tarif“ voran?

Bei der Reform, die wir derzeit im RMV durchführen, haben wir zunächst unseren Stammkunden neue Angebote gemacht. Dazu gehörte in jüngster Vergangenheit zum Beispiel das Jobticket auch für kleinere und mittlere Arbeitgeber und die Monats- und Jahreskarten für Menschen ab 65 Jahren oder die Einführung eines neuen Tickets für Schüler und Auszubildende für ganz Hessen. Für Gelegenheitsnutzer gibt es seit etwa zwei Jahren mit dem Pilotversuch RMVsmart die Chance, einen vollkommen neuen Tarif zu testen, der das Fahren mit dem ÖPNV in den meisten Fällen auch noch günstiger macht.

Und jetzt kommt noch die Idee der sogenannten Zwischenpreisstufen hinzu ...

Knut Ringat ist seit 2009 Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbundes

Ja! Nachdem wir all diese Reformen umgesetzt haben, werden wir in diesem Jahr zusätzlich die Grenzen des konventionellen Tarifs aufbrechen. Dazu führen wir sogenannte Zwischenpreisstufen ein. Wenn der Aufsichtsrat unserem Vorschlag zustimmt, können wir dann innerhalb eines Jahres die Preissprünge abbauen und neue, günstigere Tarife beispielsweise zwischen Frankfurt und Offenbach anbieten.

Hinter vorgehaltener Hand wird über neue Berechnungen berichtet: Demnach soll bei einem Einheitstarif für Offenbach und Frankfurt zusätzlicher Zuschussbedarf von etwa einer Million Euro entstehen. Können Sie die Zahlen nachvollziehen?

Ehrlich gesagt nicht. Aus unserem Hause gibt es keine aktuellen Zahlen zu diesem Thema und derartige aktuelle Berechnungen sind mir von anderer Stelle ebenso wenig bekannt.

Anfang des Jahres ist der RMV-Tarif um durchschnittlich 1,5 Prozent erhöht worden. In einer RMV-Ankündigung heißt es: „Damit verschafft sich der RMV gerade jene Einnahmen, die nötig sind, um die Mobilitätsbedürfnisse einer wachsenden Region auch weiter zu bedienen.“ Das klingt wie ein Alarmruf – oder?

Der öffentliche Nahverkehr im Rhein-Main-Gebiet kostet derzeit jedes Jahr rund 1,6 Milliarden Euro. Wir geben das Geld vor allem für die Nutzung der Gleise und die Zehntausenden Menschen aus, welche die Fahrten auf den mehr als 1 000 Linien überhaupt erst möglich machen und einen anständigen Lohn verdienen. Die Finanzierung dieses Betrages steht dabei zwischen dem Wunsch der Bevölkerung nach attraktiven Fahrpreisen und den verfügbaren öffentlichen Mitteln. Aktuell kann etwa 56 Prozent des Bedarfes aus Fahrgeldeinnahmen gedeckt werden, der Rest des Geldes kommt aus öffentlichen Mitteln des Bundes, des Landes und der Kommunen – also vom Steuerzahler.

Zugleich hat der RMV an verschiedenen Stellen die Kapazitätsgrenzen auf Schiene und Straße erreicht ...

So stellt sich der RMV-Chef die Tarif-Zukunft vor (im Beispiel geht es um eine S-Bahnfahrt zur Station Offenbach-Marktplatz): Von Frankfurt-Fechenheim und Oberrad wird es dann deutlich günstiger, von Frankfurt-Hauptwache gibt es einen neuen Preis unter heutigem Tarif, bei der Fahrt von Frankfurt-Höchst bleibt es demnach beim (derzeit geltenden) Fahrpreis von 4,90 Euro.

Genau! Um auch künftig alle Fahrgäste komfortabel ans Ziel zu bringen, müssen wir unsere Infrastruktur ausbauen und dafür sind Investitionen und ein langer Atem nötig. Mittelfristig können wir mit den verfügbaren öffentlichen Mitteln und moderaten Preisanpassungen den Status quo halten und an einigen Stellen die Leistung auch weiter verbessern, wie zuletzt die Einführung des Nachtverkehrs im S- und Regionalbahnverkehr. Der öffentliche Nahverkehr muss aber auch auf lange Sicht finanzierbar bleiben, weil er maßgeblich für eine prosperierende Wirtschaft und eine hohe Lebensqualität ist.

Auch Sie haben sich ja bereits für den Bau einer Südtangente von Aschaffenburg über Offenbach und den Flughafen bis in den Westen von Rhein-Main ausgesprochen. Wie groß sind derzeit die Chancen für diese Idee?

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Nicht alle unsere Fahrgäste wollen in die Frankfurter Innenstadt oder den Frankfurter Hauptbahnhof. Nun läuft der Verkehr aber aus dem ganzen Verbundgebiet sternförmig auf eben diese Ziele zu. Daher setzt der RMV vermehrt auf Angebote, die wichtige Knotenpunkte außerhalb der Frankfurter Innenstadt direkt miteinander verbinden. Dazu gehören zum Beispiel unsere neuen Expressbuslinien, die rund um Frankfurt verkehren oder die Regionaltangente West, die in einigen Jahren Bad Homburg mit Frankfurt-Höchst, dem Flughafen und Neu-Isenburg verbinden soll. Eine Weiterentwicklung des Tangentensystems auf der Schiene halten wir für sehr sinnvoll, da so nicht nur neue Verbindungen geschaffen, sondern auch Bestehende wie zum Beispiel der S-Bahn-Tunnel entlastet werden können. Erste Prüfungen haben jedoch gezeigt, dass die vorhandenen Gleise zwischen Offenbach, Frankfurt-Süd und dem Flughafen wegen des dichten Fern- und Regionalverkehrs kaum noch zusätzliche Züge aufnehmen können. Das heißt, dass wir ohne den Bau zusätzlicher Gleisinfrastruktur nicht auskommen werden. Wir prüfen daher in unserer Nahverkehrsplanung, welche Maßnahmen für die Südtangente erforderlich sind – und können dann auch Genaueres zu den Chancen sagen.

Was ist denn für Sie persönlich das wichtigste Projekt in diesem Jahr im Rhein-Main-Verkehrsverbund?

Die Weiterentwicklung unseres Tarifs und die Verbesserung der Pünktlichkeit. Einen wichtigen Meilenstein bei der Pünktlichkeit werden wir in diesem Jahr erreichen, wenn die Arbeiten für das neue elektronische Stellwerk im S-Bahntunnel abgeschlossen sind. 

Abschließend: Haben Sie den Eindruck, dass der öffentliche Nahverkehr in Hessen den Stellenwert hat, der ihm gebührt?

Ja! Die Unterstützung aus unserem Aufsichtsrat und auch aus der hessischen Politik ist wirklich sehr groß. Mit dem Verkehrsminister und mit dem hessischen Ministerpräsidenten haben wir überzeugte Unterstützer des öffentlichen Nahverkehrs. So konnten wir ja auch in den vergangenen beiden Jahren Projekte wie das Schülerticket in einer Rekordzeit umsetzen. Nachbesserungsbedarf sehe ich offen gesagt in Berlin. Hier würde ich mir manchmal die Einsicht wünschen, dass es nicht nur reicht, öffentlich für den ÖPNV zu sein. Vielmehr muss man auch bereit sein, jenseits von Absichtsbekundungen auch seinen Beitrag in der täglichen Arbeit zu leisten.

Rubriklistenbild: © dpa

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