Rückgang bei Neukontakten „kein Zeichen für Entwarnung“

Salafismus-Beratung erreicht Höchststand

Wiesbaden - Die Zahl der Salafisten, die von der hessischen Beratungsstelle „Religiöse Toleranz und Extremismus“ betreut werden, hat im ersten Halbjahr 2017 einen Höchststand erreicht. Von Carsten Müller

Gleichzeitig sinkt die Anzahl der Neukontakte der Beratungsstellen in Kassel und Frankfurt. Das geht aus einer Antwort von Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) auf eine Kleine Anfrage des Landtagsabgeordneten Wolfgang Greilich (FDP) hervor.

In den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres hatten die 13 Vollzeit- und zwei Teilzeitbeschäftigte des Violence Prevention Network, unter deren Trägerschaft die hessischen Beratungsstellen stehen, 127 Direktkontakte zu Salafisten (davon 18 neu), 110 Kontakte mit Angehörigen (18 neu) und 103 Kontakte zu Institutionen (17 neu). Im gesamten Vorjahr gab es 41, im Jahr 2015 51 Neukontakte.

In dem leichten Rückgang sieht VPN-Projektleiter Thomas Mücke kein Zeichen für Entwarnung. „Die Zahlen schwanken immer wieder“, so Mücke. Werde etwa intensiv über Jugendliche, die sich dem IS anschließen, oder Terroranschläge berichtet, steige auch die Zahl der telefonischen Anfragen. Entscheidend sei die Sensibilität des sozialen Umfeldes, da sich die betroffenen Personen nie selbst an die Beratungsstellen wenden, sondern Familie, Schule oder Jugendhilfeeinrichtungen.

Seit Juli 2014 arbeitet das Violence Prevention Network im Rahmen des Hessischen Präventionsnetzwerks gegen Salafismus mit islamistisch Radikalisierten, Ausreisewilligen und Rückkehrern sowie deren Angehörigen. Sogenannte Deradikalisierungstrainings in der JVA Wiesbaden gehören ebenso zum Spektrum wie Workshops in Schulen zur „Grundimmunisierung“ von Jugendlichen gegen Islamismus sowie Fortbildungen für den Umgang mit Extremismus in Jugendhilfe und Schule. Die Beratungsstellen wollen mit ihrem verantwortungspädagogischen Ansatz ideologisch gefährdeten Menschen und extremistisch motivierten Gewalttätern Wege aufzeigen, ihr Verhalten und Leben zu ändern – unter Einbeziehung des sozialen und familiären Umfelds.

Mehr als drei Millionen Euro hat das Land Hessen für die Prävention und Deradikalisierung von Salafisten durch die VPN-Beratungsstellen seit Juli 2014 ausgegeben. Über das Landesprogramm „Hessen – aktiv für Demokratie und gegen Extremismus“ wurden bis Mitte vergangenen Jahres zudem Einzelcoachings und Gruppentrainings im Justizvollzug finanziert. Im zweiten Halbjahr wurden dafür 82.000 Euro ausgegeben, im laufenden Haushalt stehen 400.000 Euro bereit.

Die finanzielle Ausstattung durch das Land bezeichnete Mücke als bespielhaft. Hessen nehme bei der Extremismusprävention in Deutschland eine Vorreiterrolle ein, da es als erstes Bundesland überhaupt ein entsprechendes Landesprogramm aufgelegt habe, zumal es mit gleicher Intensität auch den Rechtsextremismus in den Blick nimmt. Die Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden verlaufe reibungslos.

Protest gegen Salafisten

Wie gut die Steuergelder angelegt sind, wird sich dieser Tage zeigen, wenn die Ergebnisse der Evaluation der hessischen Beratungsstellen durch Kurt Möller von der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen vorliegen. Für VPN-Projektleiter Mücke ist ein solches Verfahren Routine. „Es gibt wohl keinen Bereich, der so intensiv evaluiert wird wie die Extremismusberatung.“

Ende Januar eröffnet das VPN seine dritte hessische Beratungsstelle in der Offenbacher Schlossstraße. Nach Frankfurt und Kassel sei Offenbach einer der hessischen Brennpunkte, sagt Mücke. Die Stadt, aus deren Rathaus der Wunsch nach Einrichtung der Beratungsstelle gekommen sei, „war da ja nicht ganz unauffällig“. Eine Kausalität zu einer möglichen Radikalisierung in den Moscheegemeinden lasse sich daraus aber nicht ableiten.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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