Verbände fordern mehr Unterstützung / Neue Herausforderungen wie Digitalisierung und Konfliktmanagement

„Schulen müssen immer mehr Aufgaben übernehmen“

Alexander Lorz, Hessens Kultusminister Fotos: dpa/lö (b)

Offenbach – Die neue Pisa-Studie ergebe ein differenziertes Bild, urteilt der Präsident der Kultusministerkonferenz, Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU). VON NIELS BRITSCH

„Das deutsche Bildungssystem ist ersichtlich nicht so schlecht, wie es manchmal geredet wird, aber auch nicht so gut, wie wir es gerne hätten,“, sagte er laut der Katholischen Nachrichtenagentur. Es gebe zu viele leistungsschwächere Schüler. Deutschland habe insgesamt noch Luft nach oben. Die Frage sei zum Beispiel, wie man die Leselust wecken könne, denn die deutschen Schüler wüssten im Vergleich eigentlich am besten, wie man lese. Darauf müsse sich der Fokus der Lehrerbildung richten.

Besorgt ob der Ergebnisse der umfangreichen Bildungsstudie zeigt sich unterdessen Roman George, Referent für Bildungspolitik der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen: „Die aktuelle Pisa-Untersuchung hat erneut aufgezeigt, dass der Bildungserfolg in Deutschland stärker von der sozialen Herkunft abhängt als in anderen OECD-Ländern. Obwohl dieser Befund seit der ersten Pisa-Studie vor inzwischen knapp 20 Jahren bekannt ist, hat sich daran wenig geändert.“ Besonders besorgniserregend sei, dass in Deutschland der Leistungsstand der Schüler zwischen den einzelnen Schulen erheblich variiere. Er fordert: „Schulen in schwieriger sozialer Lage, denen sich besondere pädagogische Herausforderungen stellen, benötigen daher eine deutlich bessere Unterstützung als bislang. Erforderlich sind insbesondere kleinere Klassen, multiprofessionelle Teams und mehr Zeit für die Lehrerinnen und Lehrer, um jede Schülerin und jeden Schüler optimal zu fördern.“ Weitere Ursachen für das Problem seien der Lehrkräftemangel und unzureichende Ausstattung der Schulen. „Der inzwischen akut gewordene Mangel im Grundschulbereich schlägt sich in der aktuellen PISA-Studie noch überhaupt nicht nieder“, so der GEW-Experte. Er befürchtet: „Wenn die Bildungspolitik jetzt nicht entschieden gegensteuert, droht eine weitere Verschlechterung.“

Mit ihrer Forderung nach einem Sofortprogramm im Umfang von 500 Millionen Euro habe die GEW Hessen bereits aufgezeigt, was in Hessen vordringlich zu tun sei: „Eine Reduzierung der Pflichtstundenzahl, eine Angleichung der Besoldung der Grundschullehrerinnen und -lehrer, mehr Mittel für echte Ganztagsschulen und die Inklusion.“

Die in der Studie festgestellte soziale Ungleichheit bestätigt Stefan Wesselmann, hessischer Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE): „Auch in Hessen ist zu beobachten, dass die Schere immer größer wird, und die schwächsten Schüler noch schwächer werden.“ Gründe für das mittelmäßige Abschneiden deutscher Schüler gebe es viele. So würden die Aufgaben einer Schule immer vielfältiger, die dafür benötigten Ressourcen blieben aber gleich. „Die Schule soll die Kinder nun auch noch auf die Digitalisierung vorbereiten, sie ist für die Werteerziehung zuständig, die Schülerschaft wird immer heterogener und damit auch die Aufgaben der Schule anspruchsvoller. Wesselmann wünscht sich mehr Unterstützung für Schulen, da auch immer mehr Erziehungsaufgaben in der regulären Schulzeit anfielen. Mit Inklusion und Ganztagsschulen gebe es weitere Herausforderungen bei gleichzeitigem Fachkräftemangel. „Die Gesellschaft verroht, das merkt man auch in den Schulen auf den Schulhöfen“, sagt Wesselmann. Der Umgang untereinander werde immer respektloser, somit seien die Lehrer auch zunehmend als Konfliktmanager gefragt, „dadurch bleibt dann weniger Zeit, um im Unterricht zum Beispiel das Lesen zu üben“. Es gebe immer mehr Schüler, denen im Elternhaus kaum Grenzen gesetzt würden, „da muss dann die Schule Erziehungsaufgaben übernehmen, was wiederum zusätzliche sonderpädagogische Unterstützung notwendig mache. Ein „erster richtiger Schritt“ in Hessen sei, dass das Kultusministerium „Unterrichtsbegleitende Unterstützung durch sozialpädagogische Fachkräfte“ (sogenannte UBUS) fördere – das entlaste die Lehrer.

Die in der PISA-Studie festgestellte mangelnde Lesekompetenz deutscher Schüler sei auch ein Ergebnis der Digitalisierung, glaubt Wesselmann. „Schüler lesen immer weniger. Das klassische Buch befindet sich im Konkurrenzkampf zu anderen Medien, vor allem solchen, die bewegte Bilder liefern.“

Die Ergebnisse der Pisa-Studie seien für Hessen alleine allerdings schwer zu bewerten, denn es sei ein Problem, dass die Bildungspolitik der Bundesländer in diesem Zusammenhang nicht einzeln analysiert werde. „Es stimmt nachdenklich, dass die Kultusministerkonferenz keinen Ländervergleich will“, so Wesselmann.

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