„Dritte Volksdroge“

Legalisierung von Cannabis: Das halten Experten aus der Region von der Freigabe

Legal oder illegal? Das ist hier die Frage: Die mögliche Ampelkoalition rückt eine Cannabis-Legalisierung in den Fokus. Experten aus der Region verraten, was sie von einer Freigabe halten.
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Legal oder illegal? Das ist hier die Frage: Die mögliche Ampelkoalition könnte eine Cannabis-Legalisierung ermöglichen. Das sagen Experten aus der Region zu einer möglichen Freigabe.

Die Legalisierung von Cannabis rückt durch die mögliche Ampel-Koalition immer näher. Das halten Experten aus der Region um Offenbach, Hanau und Frankfurt davon. 

Offenbach/Hanau/Frankfurt – Mit der geplanten Ampelkoalition rückt auch die Legalisierung von Cannabis für den Freizeitkonsum wieder in den Fokus. Wir haben Fachleute aus der Region gefragt, wie sie zu dem Thema stehen. Rund zwei Monate nach den Bundestagswahlen im September und einer möglichen Ampelkoalition in Aussicht, stellt sich die Frage: Wird der Freizeitkonsum von Cannabis in Deutschland legal? Grundsätzlich stehen SPD, Grüne und FDP dem offen gegenüber, es gibt nur Unterschiede in Details.

Die Liberalen fordern beispielsweise einen Vertrieb für Erwachsene durch Apotheken und speziell lizenzierte Fachgeschäfte, wobei eine Person nicht mehr als 15 Gramm der Droge besitzen darf. Auch die Grünen wollen das bisherige Verbot durch ein Cannabiskontrollgesetz aufheben und den kontrollierten Verkauf in Fachgeschäften erlauben. Auch Anbau, Handel, Besitz und Konsum sollen von entsprechenden Regeln begleitet werden. Die Sozialdemokraten wollen die Abgabe von Cannabis an Erwachsene hingegen zunächst in mehreren Modellprojekten testen und wissenschaftlich untersuchen lassen. Aber wie sehen das Experten aus der Region? Wir haben nachgefragt:

Cannabis ohne Strafe: Längst überfällig findet der Sozialwissenschaftler Bernd Werse

„Ich finde, eine Legalisierung von Cannabis ist längst überfällig“, sagt Bernd Werse. Der Soziologe ist Mitbegründer des Centre for Drug Research an der Goethe-Universität Frankfurt und engagiert sich als Mitglied des Schildower Kreises bereits seit Jahren für eine Legalisierung. „Millionen Menschen in Deutschland konsumieren Cannabis und müssen deshalb mit einer ständigen Grundangst vor Bestrafungen leben“, sagt er und verweist auf die Bedeutung der Entkriminalisierung.

Cannabis sei schon längst die dritte „Volksdroge“ neben Alkohol und Tabak. Eine Freigabe werde nicht zu steigenden Konsumentenzahlen führen, meint er, und verweist auf andere Länder, in denen die Rate nach einer Legalisierung auch nicht „signifikant gestiegen“ sei. Der Experte sieht in einer Freigabe des Stoffes vielmehr die Möglichkeit, den florierenden Schwarzmarkt bedeutend zu verkleinern.

„Ich wünsche mir für den Vertrieb eine begrenzte Anzahl unauffälliger Läden, mit geschultem Personal“, erläutert er. Eine Kommerzialisierung von Cannabis-Produkten wie in den USA oder Kanada mit „Werbung und Mengenrabatten“ hält er hingegen für den falschen Weg. Laut Werse sollte für Drogen generell keine Werbung gemacht werden.

Legalisierung von Cannabis: Experte sieht mögliches Werkzeug gegen Schwarzmarkt

Der stellvertretende Drogen- und Suchtbeauftragte der Landesärztekammer Hessen kann sich eine Legalisierung nur mit entsprechender Begleitung durch den Staat in Form „eigener Herstellung, Vertrieb und Qualitätssicherung“ vorstellen. „Wenn das gelingt, wäre es auch möglich, den Schwarzmarkt ein Stück weit kaputt zu machen“, erläutert der Mediziner. Allerdings sei die gesundheitliche Gefahr für chronische Konsumenten und Jugendliche nach wie vor groß, weshalb Drexler einer Freigabe auch skeptisch gegenübersteht: „Ein hoher Cannabis-Konsum kann insbesondere bei Menschen unter 21 Jahren zu bleibenden Schäden und Psychosen führen.“ Drexler fürchtet, die Zahl der Konsumenten könne mit einer Legalisierung weiter steigen.

Vom medizinischen Nutzen von Cannabis ist der Arzt ebenfalls nicht restlos überzeugt. Zwar gebe es durchaus Menschen, die von einer Behandlung mit dem Stoff profitierten, das entsprechende Zulassungsverfahren sei jedoch politisch gewollt gewesen und daher nicht mit der nötigen Sorgfalt durchgeführt worden, meint Drexler. „Cannabis hätte aus Gründen der Patientensicherheit nicht so eilig zugelassen werden dürfen.“

Meinung zur Legalisierung: Pharmaunternehmer Linus Weber sieht Cannabis als Medikament

„Alkohol und Tabak sind legale, schädliche Drogen. Cannabis hingegen ist ein Arzneimittel“, sagt hingegen Linus Weber, Gründer des Pharmaunternehmens Nimbus Health in Offenbach, welches sich auf pharmazeutisches Cannabis spezialisiert. Weber steht einer Legalisierung grundsätzlich offen gegenüber, mahnt aber zur Vorsicht: „Eine Freigabe sollte nur unter pharmazeutischen Strukturen erfolgen.“ Insbesondere die Lieferketten müssten jederzeit eindeutig zuordenbar sein, damit es keine Vermischung mit illegalen, verschmutzten Produkten gebe.

Daher sollte Cannabis, ähnlich wie Arzneimittel, von Pharmaunternehmen hergestellt, überwacht und kontrolliert werden. Der Erwerb dürfe dann nur über Apotheken führen, erläutert Weber. Ein Modell mit lizenzierten Fachgeschäften hält er hingegen für keine gute Lösung.

„Es muss ein THC-Wert festgelegt werden, bis zu dem ein freier Kauf in der Apotheke möglich ist. Produkte mit einem Wert darüber können dann nur mit einem Rezept erworben werden.“ Da Cannabis allerdings je nach Konsument unterschiedlich wirke, sieht Weber eine vorherige Untersuchung in speziellen Modellprojekten unter wissenschaftlicher und ärztlicher Aufsicht durchaus als hilfreich an.

Suchthilfezentrum Wildhof: Cannabis-Legalisierung nur unter staatlicher Kontrolle

„Zu uns kommen jährlich zwischen 300 und 350 Menschen in die Beratung, wegen massiver Probleme mit Cannabis“, erläutert Mechthild Rau, Vorstandsmitglied des Suchthilfezentrums Wildhof in Offenbach. „Eine Abhängigkeit ist einer der größten Freiheitsverluste, den ein Mensch erleiden kann.“ Einer Legalisierung stimme sie daher nur zu, sollten sämtliche Prozesse vom Staat kontrolliert werden. Außerdem dürfe beim Verkauf der Droge nicht der finanzielle Aspekt im Vordergrund stehen, sagt Rau. Sie ist für ein striktes Werbeverbot. „Es darf in der Öffentlichkeit nicht die Message rüberkommen, dass Cannabis eine harmlose Lifestyle-Droge ohne schädigende Wirkung ist.“

Eine Entkriminalisierung befürwortet Rau hingegen zu 100 Prozent: „Das macht auf jeden Fall Sinn. Teilweise werden selbst Gelegenheitskonsumenten stärker verfolgt als Dealer, wobei viele Verfahren dann wieder eingestellt werden.“ Laut der Expertin sollte eine bundesweite Maximalmenge festgelegt werden, bei der Konsumenten keine Verfolgung droht. Dadurch würden auch Polizei und Justiz deutlich entlastet, erläutert Rau. Auch Rau befürwortet Modellprojekte, um zu sehen, wie sich eine Legalisierung auswirkt.

Cannabis-Legalisierung: „Kiffen ist schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen“

„Man muss die Realität einfach anerkennen. Kiffen ist schon seit einiger Zeit in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, sagt Gerhard Hamp, Berater in der ambulanten Suchthilfe des Diakonischen Werks Hanau-Main-Kinzig. „Es gibt auch über 70-jährige Konsumenten.“ Eine Freigabe sei daher „längst überfällig“. Aktuell konsumierten viele Menschen Cannabis heimlich. „Wenn es legal wird, fällt es möglicherweise schneller auf, wenn jemand körperliche oder psychische Probleme damit hat, und es kann früher behandelt werden“, erläutert Hamp. Er hofft, dass sich dadurch mehr Leute freiwillig in Therapie begeben und mit der Zeit auch die Aufklärungsarbeit einfacher wird.

Darüber hinaus sieht der Berater noch weitere Vorteile. Mit einer Legalisierung sei es beispielsweise möglich, Polizei und Gerichte entscheidend zu entlasten, den Konsum für Betroffene sicherer zu gestalten und den Schwarzmarkt auszutrocknen. Letzteres könne jedoch nur gelingen, wenn sich der legale Verkauf an den Preisen des Schwarzmarktes orientiere, sagt Hamp. Er sei prinzipiell für alle gehandelten Legalisierungs-Modelle offen, auch für den Vertrieb in eigens dafür eingerichteten Verkaufsstellen. (Jan Lucas Frenger)

Auch in der Lokalpolitik von Offenbach ist das Thema Cannabis bereits angekommen. Die Linke fordert bereits seit längerem ein Modellprojekt zur freien Abgabe von Cannabis.

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