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Nosferatu-Spinne und Co. in Hessen auf dem Vormarsch - „Viele Ängste entstanden“

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Von: Claudia Kabel

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In Südhessen breiten sich neue Insekten, Vögel und Pflanzen aus, die aus Südeuropa und Asian stammen. Das liegt nicht nur am Klimawandel.

Frankfurt - Beim Kreisverband des Naturschutzbunds (Nabu) Darmstadt gab es in jüngster Zeit viele Anrufe wegen neuer Insekten, die wegen des Klimawandels gesichtet werden. Auch das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) beobachtet, dass es „durch die Verschiebung der Klima- und Vegetationszonen zu Veränderungen der Artenzusammensetzung kommt“ – auch mit neuen Pflanzen und Vögeln müssen wir uns anfreunden.

„Besonders wegen der Nosferatu-Spinne sind viele Ängste entstanden“, sagt Nabu-Kreisverbandsvorsitzender Tino Westphal der Frankfurter Rundschau. Dass die mit ausgestreckten Beinen bis zu fünf Zentimeter große Spinne mit hell- und dunkelbrauner Zeichnung inzwischen flächendeckend in ganz Südhessen vorkommt, ist man sich beim Nabu sicher. Dies hätten zahlreiche zugesendete Handyfotos bewiesen, so Westphal. Ihr Name habe natürlich viel zu ihrem Gruselfaktor beigetragen.

Nosferatu-Spinne mit Gruselfaktor auch in Hessen

In der Tat sei sie die einzige bei uns vorkommende Spinne, die uns Menschen mit ihren Beißwerkzeugen verletzen könne. Dies sei allerdings nicht mal so schlimm wie ein Bienenstich. Und passiere auch nur, wenn man sie in die Enge treibe oder quäle. „Deswegen sollte man sie vorsichtig aus dem Haus delegieren oder sie sitzen lassen“, rät Westphal. Jetzt zur kalten Jahreszeit suche sie wie andere Hausspinnen in Schuppen und Kellern Schutz vor dem Winter.

Eine Nosferatu-Spinne sitzt auf einem Autodach.
Eine Nosferatu-Spinne sitzt auf einem Autodach. © dpa

Eigentlich stammt die Nosferatu-Spinne aus der Familie der Kräuseljagdspinnen aus dem Mittelmeerraum. Durch Verschleppung und die globale Erwärmung breitet sie sich nun auch in Mitteleuropa aus.

Hessen: Neben Nosferatu-Spinne auch Gottesanbeterin unterwegs

Auch die Gottesanbeterin ist inzwischen „überall auf unseren Feldern anzutreffen“, sagt Westphal. Dies bewiesen viele Bilder. Das warme, trockene Klima sei optimal für das Insekt aus der Familie der Fangschrecken. „Sie ist eine hochvisuelle Jägerin, die sich hier gut halten kann.“ Dabei fresse sie alles, was ihr vor die Nase laufe. Ihren Namen verdankt die Gottesanbeterin der Haltung ihrer vorderen Fangarme während des Lauerns auf Beute, die an eine Gebetsposition menschlicher Hände erinnert.

Gottesanbeterin bei Seeheim-Jugenheim aufgenommen.
Gottesanbeterin bei Seeheim-Jugenheim aufgenommen. © Nabu/Angela Hille

Diese anmutige Pose dürfe jedoch nicht verschleiern, dass sie in dieser Lauerstellung bei Sichtung einer geeigneten Beute ihre Fangarme blitzschnell ausstreckt und das Insekt schnappt, teilte der Kreis Groß-Gerau jüngst mit. Bekannt sei sie auch dafür, dass sie nach der Paarung das Männchen verspeise. In Südhessen könne die Art seit 2004 beobachtet werden, auch im Kreis Groß-Gerau komme sie bereits vor. Sie mag warme Lebensräume im Bereich von Böschungen oder in Hausgärten, wo viele Pflanzen blühen und reichlich Insekten zur Jagd vorkommen. Experten gehen davon aus, dass sich die Art aufgrund des Klimawandels weiter ausbreiten wird.

Asiatische Tigermücke überträgt Erreger - Exemplare erstmals in mehreren Kommunen

Warm mag es auch die Asiatische Tigermücke, weswegen sie sich zunehmend in hiesigen Gefilden breit macht. Diesen Sommer sind Exemplare der Stechmücke erstmals in Bürstadt (Kreis Bergstraße), Nauheim, Rüsselsheim-Königstädten, Mörfelden-Walldorf und Trebur-Astheim (Kreis Groß-Gerau), Seeheim-Jugenheim (Landkreis Darmstadt-Dieburg), Hanau Klein-Auheim (Main-Kinzig-Kreis) sowie Hattersheim-Eddersheim (Main-Taunus-Kreis) nachgewiesen worden, wie das Sozialministerium mitteilte.

Die Tigermücke erkennt man an den schwarz-weißen Streifen.
Die Tigermücke erkennt man an den schwarz-weißen Streifen. © PantherMedia / lifeonwhite

Die ursprünglich aus Südostasien stammende Mückenart hat sich durch den weltweiten Warenverkehr und die Klimaerwärmung auch in Europa ausgebreitet. 2007 erfolgte der erste Nachweis in Deutschland, 2018 in Hessen. Der Flughafen Frankfurt und die A5 seien mögliche Einschleppungswege, teilte der Kreis Groß-Gerau mit. Seit 2019 finde man die schwarz-weiß gestreifte Mücke auch in Oestrich-Winkel im Rheingau-Taunus-Kreis. Dort habe die Mücke offenbar überwintert. Dort führt die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage die allgemeine Stechmückenbekämpfung durch.

Krabbler melden

Die Ausbreitung der Gottesanbeterin wird in Hessen kontinuierlich dokumentiert. Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen, Beobachtungen und Fundorte der Art möglichst mit Belegfoto zu melden an www.hlnug.de/themen/ naturschutz/tiere-und-pflanzen/ arten-melden/gottesanbeterin

Auch Funde der Tigermücke sollen gemeldet werden. Das Sozialministerium empfiehlt, Mücken zur Artbestimmung an den „Mückenatlas“ unter www.mueckenatlas.com zu schicken. Funde oder Fragen zum Stechmücken-Monitoring können auch an die Geschäftsstelle Klimaanpassung des Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamtes im Gesundheitswesen unter klimaanpassung-muecken@hlpug.hessen.de gerichtet werden. Typisch für die relativ kleine Stechmücke ist ihre auffällig schwarz-weiß gestreifte Zeichnung.

In Hessen sind bisher drei nicht heimische Stechmückenarten nachgewiesen: die Japanische Buschmücke, die Asiatische Tigermücke und die Koreanische Buschmücke.

In Deutschland und auch Hessen kommen inzwischen viele ursprünglich eingeschleppten oder eingewanderten Tier- und Pflanzenarten vor.

Experten schätzen die Anzahl nicht heimischer Arten in Europa auf 12 000. Davon werden 10 bis 15 Prozent negative Auswirkungen auf die einheimische biologische Vielfalt zugeschrieben. cka

2021 erfolgten weitere Nachweise in Flörsheim am Main (Main-Taunus-Kreis) sowie Hirschhorn am Neckar (Kreis Bergstraße). Auch auf Friedhöfen im Wiesbadener Stadtgebiet wurden 2021 Larven der Tigermücke gefunden, 2022 erstmals auch mehrere Exemplare. Im betroffenen Gebiet wurden in Abstimmung mit der Stadt Wiesbaden Maßnahmen zur Bekämpfung der Tigermücke eingeleitet.

Weil die Tigermücke verschiedene Virusinfektionen übertragen kann, warnt das Gesundheitsamt vor einer weiteren Vermehrung, und der Kreis Groß-Gerau will „verhindern, dass sich die Mücke bei uns rasch ausbreitet“, erläuterte der Erste Kreisbeigeordnete und Gesundheitsdezernent Walter Astheimer (Grüne).

Dabei sei die Beseitigung möglicher Brutstätten als präventive Maßnahme entscheidend, so Angela Carstens, Leiterin des Gesundheitsamts Groß-Gerau. „Wir wissen, dass die Mücken jegliche Behälter, in denen sich Regenwasser sammeln kann oder stehendes Wasser befindet, als Brutstätten nutzen.“ Also helfe es bereits, Abflüsse, Blumenvasen, Blumentopfuntersetzer, Dachrinnen, Planschbecken, Autoreifen auf Wasserreste zu untersuchen und das Wasser zu entfernen. Regentonnen sollten abgedeckt werden. Auch könne das Wasser mit den aus der Schnakenbekämpfung bekannten Mitteln aus dem Baumarkt bekämpft werden. Ob in Nauheim besondere Maßnahmen zur Prävention, Überwachung und Bekämpfung des Insekts nötig seien, wolle man mit der Gemeinde und dem Land besprechen.

Fälle von Krankheitsübertragungen durch die Asiatische Tigermücke sind in Deutschland bisher nicht bekannt, daher geht laut Gesundheitsamt von einem Stich derzeit keine besondere Gefahr aus. Allerdings könnten im Fall einer weiteren Ausbreitung zukünftig Übertragungen von Krankheiten nicht ausgeschlossen werden. Die Mücke ist in der Lage, Dengue-, Chikungunya-, West-Nil-, Zika- oder Gelbfieber-Viren zu übertragen.

Kampf gegen Götterbäume: Sie werden zum Problem in Hessen

Nicht nur Insekten breiten sich bei uns aus. Im Kreis Groß-Gerau geht man jetzt auch gezielt gegen den Götterbaum vor. Indem man die Rinde ringförmig schält, soll seine Vermehrung verhindert werden und die Pflanze soll absterben, teilte der Kreis mit. Der aus Asien stammende Laubbaum wurde gerne für die innerstädtische Begrünung eingesetzt, da er robust ist, schnell wächst und gut mit den besonderen klimatischen Bedingungen – insbesondere Hitze – zurecht komme. Eigentlich in Zeiten des Klimawandels gute Argumente für den Götterbaum, um Städte grün zu gestalten. Doch nun wird er zu einem echten Problem – auch zwischen Darmstadt-Eberstadt und Zwingenberg: „Wenn man ihn lässt, entsteht eine Monokultur, und heimische Pflanzen haben keine Chance mehr“, sagt Nabu-Vorsitzender Westphal. Dadurch verliere man weitere heimische Arten. Der Götterbaum sei ein gutes Beispiel, dass nicht nur der Klimawandel Schuld an der Ausbreitung von invasiven Arten sei, sondern auch Forstfehler.

Ein Götterbaum in Groß-Gerau: Die Rinde wurde abgeschält, um seine Vermehrung zu stoppen. Der Baum wird daran zu Grunde gehen.
Ein Götterbaum in Groß-Gerau: Die Rinde wurde abgeschält, um seine Vermehrung zu stoppen. Der Baum wird daran zu Grunde gehen. © Stadt Groß-Gerau

Bekämpfen würde man invasive Arten am besten mit ihren natürlichen Gegenspielern, sagt Westphal. Doch befänden sich diese meistens noch im Herkunftsland. Für den Götterbaum würde das bedeuten, hier einen Pilz anzusiedeln, der für den Laubbaum schädlich ist. In Österreich wende man bereits ein Bekämpfungsmittel mit dieser Pilz-art an, das in die Rinde injiziert werde und den Baum verwelken lasse. Dieses sei aber in Deutschland noch nicht zugelassen. Auch müsse man „höllisch aufpassen dass dadurch nicht heimische Arten geschädigt werden“.

Bienenfresser: Tropischer Vogel brütet in Hessen

Ein weiteres Beispiel für die nordwärtsgewandte Zuwanderung wärmeliebender Arten ist die Ausbreitung des Bienenfressers. Dieser auffallend farbige Vogel aus dem Mittelmeerraum galt laut HLNUG in den 1980er Jahren als ausgestorben – jetzt brüte er wieder vermehrt in Deutschland.

Bienenfreser an der Bergstraße fotografiert.
Bienenfreser an der Bergstraße fotografiert. © Nabu/Roland Tichai

„Er ist einer der schönsten bunten Vögel und ein klarer Profiteur des Klimawandels“, sagt Westphal. Bei Imkern sei er vermutlich weniger beliebt, da er Bienen fresse. Südlich von Darmstadt gebe es inzwischen mehrere Brutgebiete des tropischen Wandervogels aus Südfrankreich. Derzeit sei der Zugvogel wieder in wärmere Regionen unterwegs. (Claudia Kabel)

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