Teilhabe statt Ausgrenzung

In Hessen gilt jeder Fünfte unter 18 Jahren als armutsgefährdet

Wiesbaden - Für Kinder armer Familien kann schon ein Schwimmbadbesuch zu teuer sein – oder ein neues Paar Schuhe. Viele Nöte der Betroffenen bleiben im Verborgenen. Von Carolin Eckenfels

Der Schnee am Wochenende lockte zahlreiche Familien nach draußen – und machte armen Kindern in Hessen mal wieder deutlich: Ich gehöre nicht dazu. Für ihre Familien kann schon eine Fahrt zum nächsten Rodelhügel oder die geeignete Winterausrüstung unerschwinglich sein. „Es fehlt oft an guter, warmer Kleidung“, berichtet Anette Bacher, Bereichsleiterin beim „Caritashaus St. Josef“ in Offenbach über die Nöte armer Familien. „Die Kinder tragen zwar ihre Winterstiefel, die aber dann so schlecht verarbeitet sind, dass sie kalte Füßchen bekommen.“

Armut in Hessen ist in der Regel sogenannte relative Armut. Für Lebensnotwendiges wie Essen reicht es zwar. Die Armut zeigt sich eher daran, häufig außen vor zu bleiben. Für Betroffene sind vermeintlich selbstverständliche und alltägliche Ausgaben und Unternehmungen Luxus.

Gudrun Siebke-Richter, Projektleiterin beim Kinderschutzbund im Kreis Marburg-Biedenkopf, kennt den Fall einer Mutter, die sich die Schultüte für ihren Sohn noch leisten konnte. Für den Inhalt reichte es nicht mehr. Also sollte Watte als Füllung herhalten. „Das Problem der Kinderarmut wird übersehen“, meint Siebke-Richter. „Familien sparen sich teils alles vom Mund ab, damit die Kinder in der Öffentlichkeit nicht als arm auffallen.“

21,6 Prozent der unter 18-Jährigen in Hessen gelten als armutsgefährdet. „Armut wirkt sich negativ auf die Entwicklungschancen von Kindern aus, die unter diesen Bedingungen aufwachsen“, heißt es in dem gestern vorgestellten hessischen Landessozialbericht.

Sozialverbände betonen in dem mehr als 300 Seiten dicken Papier: „In Armutslagen zu leben, bedeutet für Familien, nicht nur mit geringen finanziellen Ressourcen zurechtkommen zu müssen, sondern häufig auch mit einem Minimum an Bildung, Kommunikation und sozialer Anerkennung.“ Eine große Belastung. So wird in dem Bericht ein anonymer Betroffener zitiert: „Ich ging nicht mehr aus dem Haus, es war zu wenig Geld für die Kinder da. Ich traute mich mit meinen Kindern nicht mal mehr ins Schwimmbad.“

Die Liste der Dinge und Erlebnisse, die sich arme Familien nicht oder nur selten leisten können, ist lang: Kindergeburtstag feiern gehört dazu, ins Kino gehen, einen neuen Rucksack kaufen, gute Schuhe tragen, eine Zahnspange bezahlen oder in den Urlaub fahren. „Armut grenzt die Kinder aus“, sagt Caritas-Mitarbeiterin Anette Bacher. Auch wegen der häufig beengten Wohnverhältnisse: „Die Kinder können keine Freunde einladen und werden dann auch selbst nicht eingeladen.“ Sie kennt das Beispiel eines Vaters, der mit seinen pubertierenden Töchtern auf einem Zimmer lebt. „Er muss den Raum verlassen, wenn sie sich umziehen wollen. Eine unangenehme Situation für alle.“

Jeder Fünfte in Deutschland von Armut betroffen

Es gibt zwar diverse Unterstützungsmöglichkeiten für Familien. Doch Gudrun Siebke-Richter vom Kinderschutzbund in Marburg, der bei Kinderarmut berät, sagt: Manchmal sei auch „bei bester Kenntnis der Gesetzeslage“ keine konkrete Hilfe möglich.

Um die Folgen von Armut zu lindern oder diese zu verhindern, sprechen sich Sozialverbände unter anderem für einen leichteren und vor allem kostenfreien Zugang zu Kitas aus. „Für Kinder in Armutslagen eröffnen sich in Kindertageseinrichtungen und Schulen erweiterte Handlungs- und Erfahrungsspielräume“, schreiben sie im Landessozialbericht. „Frühe Erziehung, Bildung und Betreuung eröffnen Möglichkeiten, bei Fehlentwicklungen und Störungen Hilfen anbieten zu können.“ Kitas hätten in der „Prävention von Armut elementare Aufgaben und Funktionen“. Mehr Teilhabe ermöglichen könnten schon gut ausgestattete und saubere Spielplätze, meint Anette Bacher. „Das sind Treffpunkte für Netzwerke.“ (dpa)

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