Teufelskreis auf dem Strommast

Immer mehr Störche suchen sich lebensgefährlichen Nistplatz

Ein lebensgefährlicher Nistplatz für Störche: Immer öfter brüten die großen Vögel auf Strommasten oder Bahn-Oberleitungen.
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Ein lebensgefährlicher Nistplatz für Störche: Immer öfter brüten die großen Vögel auf Strommasten oder Bahn-Oberleitungen.

Rhein-Main - Immer öfter bauen Störche ihre Nester an lebensgefährlichen Stellen wie Strommasten. Das Problem: Der hier aufgezogene Nachwuchs übernimmt das Verhalten und baut später oft selbst Nester an diesen Standorten. Ein Teufelskreis.

„Die Tiere fühlen sich da wohl, wo sie etwas zu Fressen sowie Plätze zum Ausruhen und Schlafen finden – und sich dann paaren können“, sagt Bernd Petri, Fachexperte für Weißstörche vom Naturschutzbund (Nabu) Hessen. „Allerdings haben wir zur Zeit viele Probleme mit Störchen, die auf Strommasten oder an Bahnstrecken ihre Nester bauen und brüten wollen.“

In Gelnhausen gleich zwei Paare auf Oberleitungsmasten

Das ist auch seit vielen Jahren am Bahnhof Gelnhausen Hailer-Meerholz ein Problem: Dieses Saison haben gleich zwei Paare auf Oberleitungsmasten ihre Nester gebaut – ein gefährlicher Brutplatz. „Die Oberleitung stellt eine Gefahr für die Tiere dar. Sie könnten Leitungen überbrücken und einen Stromschlag erleiden“, sagt Katja Fuhr-Boßdorf, Umweltexpertin der Deutschen Bahn. Aus diesem Grund wird das Reisig, das die Tiere auf dem Oberleitungsmast immer wieder anhäufen, von Mitarbeitern regelmäßig entfernt. Da beide Standorte aber außerhalb der 100 Meter Störungszone zur Baustelle an der Strecke zwischen Hanau und Gelnhausen sind, lässt man die Tiere inzwischen gewähren, teilt eine Bahnsprecherin mit. Zuvor war befürchtet worden, dass die Störche von den Streckenarbeiten über Ostern vertrieben werden und mögliche Eier im Nest zurücklassen könnten.

Kollision mit der Leitung endet tödlich

Doch auch Strommasten werden bei den Tieren beliebter. „Sie bieten ideale Strukturen, weil sie frei anfliegbar sind“, sagt Storch-Experte Bernd Petri. „Trotzdem sind sie die tödlichste Gefahr für Störche überhaupt. Aber das lernen sie nicht, weil sie dann tot sind, wenn sie zum Beispiel im Flug mit der Leitung kollidieren.“ Weil die Störche beim Bauen außerdem nicht so genau sind, hängen manchmal einzelne Äste oder verbaute Metallteile wie Drähte weit über das Nest hinaus. „Nach und nach kann Material so über die Isolatoren hinweg auf die Leitungen rutschen“, erklärt Petri. „Dann steht das Nest in Brand oder es gibt Kurzschlüsse. Und wenn’s richtig knallt, kann der Strom ausfallen.“ Neben Privathaushalten sind davon auch Unternehmen betroffen – die ihrem Ärger bei den Stromanbietern Luft machen „Das kann erhebliche wirtschaftliche Folgen haben, da geht’s schnell mal um tausende Euros.“

Tragische Beispiele auch in Groß-Gerau

Zuletzt kam das verstärkt im Kreis Groß-Gerau vor, unter anderem an Strommasten in Ginsheim-Gustavsburg sowie am Umspannwerk Berkach, wo sich Störche seit vielen Jahren niederlassen – und regelmäßig sterben. „Es ist sehr ratsam, dass man frühzeitig schaut, dass die Tiere gar nicht erst an diesen sensiblen Stellen nisten. Man kann ihnen Alternativen anbieten oder sie vergraulen – unter anderem mit kleinen Windrädern wie in Berkach. Die Paare haben dann noch genügend Zeit, woanders zu brüten“, sagt Bernd Petri. Einzige Voraussetzung für den Abbau der Nester ist aber: Die Störche dürfen noch keine Eier gelegt haben. Denn die müssen geschützt werden.

Nachkommen erinnern sich an Nistplatz

Die Tiere künftig von den gefährlichen Nistplätzen fernzuhalten, ist schwierig. „Weißstörche sind sehr standorttreu“, sagt DB-Umweltexpertin Katja Fuhr-Boßdorf. Bernd Petri ergänzt: „Werden die Jungen auf einem Strommast aufgezogen, erinnern sie sich später daran und bauen selbst Nester an solchen Standorten.“ Ein Teufelskreis.

Von Julia Oppenländer

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