Oberursel

Hoffen und Bangen bei Thomas Cook in Oberursel

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In der Oberurseler Firmenzentrale arbeiten 1200 Menschen.

Die Beschäftigten in der Firmenzentrale des Reisekonzerns Thomas Cook in Oberursel fürchten um ihre Jobs und sehen Chancen für einen Neuanfang.

Oberursel - Der Empfang ist besetzt, Kantine und Cafeteria haben geöffnet, Mitarbeiter eilen durch die Flure – auf den ersten Blick herrscht ganz normaler Betrieb in der Firmenzentrale von Thomas Cook in Oberursel im Hochtaunuskreis. Wären da nicht die Schreiben an der Eingangstür, die auf das Insolvenzverfahren verweisen, das die deutschen Gesellschaften des Reiseveranstalters am 25. September beantragt haben.

Und wäre da nicht die Verunsicherung, die seit der Pleite der britischen Mutter zwei Tage zuvor unter den 1200 Beschäftigten herrscht. „Man weiß nicht so richtig, wie es weitergeht“, beschreibt Sindy Ulrich die Stimmung. Die Nachricht von der Insolvenz sei für sie ein echter Schock gewesen. „Ich habe mich gefühlt wie im falschen Film.“ Zumal die 41-Jährige ausgerechnet am Wochenende zuvor ihre Hochzeit gefeiert hatte.

Oberursel: Thomas Cook - Beschäftigte bangen um ihren Job

Ans Aufgeben würden aber weder sie noch die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen denken, versichert Ulrich. Seit beinahe 19 Jahren ist sie im Unternehmen, nach mehreren anderen Stationen inzwischen in der IT-Abteilung. „Und ich kann und will mir gar nichts anderes vorstellen.“

Tobias Nägle, Sindy Ulrich und Andreas Lutze (von links) sehen eine Zukunft für den Reisekonzern.

Ebenso wie der Betriebsratsvorsitzende Tobias Nägle und sein Stellvertreter Andreas Lutze verwendet sie mehrfach den Begriff „Familie“, wenn es um die Thomas-Cook-Belegschaft geht. Das rühre noch aus den einstigen Neckermann-Zeiten her, so Nägle. Durch die Zentralisierung mit der englischen Muttergesellschaft sei jedoch viel Frust entstanden. „Wir mussten hier teilweise zwei bis drei Wochen auf Entscheidungen warten.“ Deswegen sähen manche in der Insolvenz sogar eine Chance auf einen Neuanfang mit mehr Flexibilität und Freiheiten.

Thomas-Cook-Pleite: Touristen verklagen Staat

Oberursel: Petition für Thomas Cook auf change.org

Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Situation wechsle die Stimmung beständig zwischen Hoffen und Bangen, berichtet Betriebsratsvize Andreas Lutze. „Doch der Spirit ist gut.“ Dazu trägt auch eine Onlinepetition bei, die seit einigen Tagen auf der Plattform Change.org läuft. Mehr als 8500 Unterstützer haben dort bereits unter dem Hashtag #EinHerzFürThomasCook ihre Solidarität mit den deutschlandweit 2000 Mitarbeitern bekundet. Außerdem fordern sie Bund und Land auf, dem Unternehmen mit einem Überbrückungskredit unter die Arme zu greifen, ebenso wie jüngst dem Ferienflieger Condor, der ebenfalls von der Thomas-Cook-Pleite betroffen ist.

Nach der Pleite des britischen Mutterkonzerns hatte auch die deutsche Thomas Cook GmbH Ende September Insolvenz beantragt. Zu vorläufigen Insolvenzverwaltern wurde das Büro Hermann Wienberg Wilhelm (HWW) bestellt.

Betroffen sind deutschlandweit insgesamt 2000 Mitarbeiter. In der Oberurseler Zentrale arbeiten 1200 Frauen und Männer. twe

„Wir sind kein marodes Unternehmen“, betont Betriebsratschef Nägle. Die deutschen Thomas-Cook-Töchter hätten in den vergangenen Jahren mehrere Hundert Millionen Euro an die englische Muttergesellschaft abgeführt. Deshalb sei er optimistisch, dass sich ein Investor finde, der bereit sei, die Geschäfte weiterzuführen. Bei einer Betriebsversammlung habe der Insolvenzverwalter jedenfalls die Hoffnung genährt, dass es eine Lösung geben könne.

Währenddessen geht die Arbeit in der Oberurseler Zentrale weiter. Derzeit für viele Mitarbeiter mit der undankbaren Aufgabe, Kunden zu erklären, dass ihr Urlaub ausfallen muss. Im Laufe dieser Woche hatte das Unternehmen bekannt gegeben, dass alle Reisen bis einschließlich 31. Dezember abgesagt seien.

„Das haben wir nicht gerne gemacht“, räumt Andreas Lutze ein. Allerdings könne man nicht mehr garantieren, die Reisen wie gewohnt abzuwickeln. In den Zielgebieten sei einiges an Infrastruktur weggebrochen.

Oberursel: Kunden muntern Mitarbeiter von Thomas Cook auf

Das sorge natürlich für Ärger und viele Fragen, sagt Sindy Ulrich. Es gebe aber auch positive Signale. Manche Kunden versuchten, die Thomas-Cook-Mitarbeiter aufzumuntern und kündigten an, „wir wollen wieder bei euch buchen“. Das gelte auch für die Betreiber von Reisebüros, ergänzt Tobias Nägle. „Da gibt es viele, die uns die Daumen drücken.“

Auch von der Stadt Oberursel fühlt sich der Betriebsrat gut unterstützt. Der Magistrat hatte jüngst in einem Schreiben an die Landesregierung appelliert, Thomas Cook finanziell zu unterstützen. Außerdem hat Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD) die Oberurseler dazu aufgerufen, sich an der Onlinepetition zu beteiligen.

Von Torsten Weigelt

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