„Unter Alkoholeinfluss klappt das nicht“

Wegen Corona: Viele Vereine in der Region sagen Kerb, Wein- und Oktoberfeste 2021 ab

Hoch die Hände: Ein Oktoberfest ohne Bier ist kaum denkbar, damit steigt aber auch die Infektionsgefahr.
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Hoch die Hände: Ein Oktoberfest ohne Bier ist kaum denkbar, damit steigt aber auch die Infektionsgefahr.

Die Veranstalter von Volks-, Wein- und Oktoberfesten in der Region sind verunsichert. Kommt die vierte Welle? Darf gefeiert werden? Und wenn ja – mit welchen Auflagen? Oft werden die Feste von Vereinen organisiert, die sich gut überlegen müssen, ob sie das finanzielle Risiko eingehen wollen. Sicherheitshalber sagen viele ihre Veranstaltungen ab.

Kreis Offenbach/Hanau – Die rauschende Feier im Fest- oder unterm spätsommerlichen Himmelszelt steht auch in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie auf der Kippe und vermiest Veranstaltern und Vereinen die feuchtfröhliche Stimmung. Werden die derzeitigen Lockerungen mit der Ausbreitung von Virusmutanten wieder beschnitten? Wie kann man unter diesen Umständen überhaupt noch planen?

Kurzfristige Absage ist größtes Risiko

Michael Sühl von der Freiwilligen Feuerwehr Münster war vergangene Woche noch unsicher, wie sich der Vorstand in den kommenden Tagen entscheiden würde: Oktoberfest trotz Corona – ja oder nein? Seit 40 Jahren veranstalte der Verein der Freiwilligen Feuerwehr das dortige Oktoberfest, an den Samstagabenden seien immer um die 500 bis 600 Leute gekommen. Wie das dieses Jahr funktionieren könnte, weiß das Vorstandsmitglied noch nicht. „Wir würden uns an die zu diesem Zeitpunkt geltenden Bestimmungen halten“, sagt er. Nur: Wie werden die aussehen? Vielleicht wird es wegen einer vierten Welle wieder strenge Zugangsregeln geben. Vielleicht werden Veranstaltungen verboten. Eine schwierige Basis, um Entscheidungen zu treffen.

Die Vorbereitungen für ein solches Fest kosten Zeit und Geld. Künstler müssten engagiert werden, bei einer kurzfristigen Absage würde meist ein Ausfallhonorar fällig, erläutert Sühl. Die Planung sei schwierig, und die Befürchtung, dass das Fest zum Schluss ins Wasser falle, schwinge die ganze Zeit mit. „Keiner weiß, wie sich die Coronasituation entwickelt, gerade auch nach der Urlaubszeit“, überlegt Sühl.

Angenommen, es seien wieder nur ganz wenige Besucher erlaubt – dann lohne es sich wirtschaftlich einfach nicht. „Im schlimmsten Fall würde das ein finanzieller Verlust für den Verein.“ Und das wäre schlecht. Schließlich werde mit den Einnahmen des Oktoberfestes die Einsatzabteilung der Freiwilligen Feuerwehr unterstützt.

Die Entscheidung, die der Verein dann am Dienstag traf, überraschte nicht: Das Oktoberfest in Münster wird nun im zweiten Corona-Jahr ausfallen.

Perspektive für Veranstalter fehlt

Auch Tobias Schott vom Eventwerk Rodgau hat das dortige Oktoberfest gleich ganz gecancelt. „Wir sprechen hier nicht mehr von Verunsicherung, sondern von eine planbaren Katastrophe“, sagt er. Er vermisse eine Perspektive für die Veranstaltungsbranche. Vergangene Woche hatten auch die Organisatoren des Frankfurter Oktoberfests ihre Großveranstaltung für 2021 abgesagt.

Nach zwei Jahren coronabedingter Pause hält Schott nichts mehr davon, „mutige Pläne“ zu schmieden. Im Gegensatz zu einem Verein könne ein Unternehmen wie das Eventwerk nicht ins Blaue planen. „Wir können uns solche Luftnummern nicht leisten“, sagt Schott.

Das Rodgauer Oktoberfest hatte normalerweise am Wochenende rund 2 000 Gäste. Die Leute tanzten vor der Bühne, lagen sich in den Armen, tranken vielleicht zusammen aus einem Glas, erzählt Schott. „Machen wir uns nichts vor: Das Bier steht beim Oktoberfest im Vordergrund. Und nach zwei Maß werden die Regeln nun mal nicht mehr eingehalten. Das macht es für Veranstalter schwer, die Vorschriften umzusetzen. Nüchtern klappt das vielleicht. Aber unter Alkoholeinfluss nicht.“ Für Schott steht deshalb fest: „Wir werden erst wieder solche Feiern veranstalten, wenn auch wirklich wieder gefeiert werden darf.“

Auflagen für Vereine nicht zu stemmen

Unter den Vereinen der Region haben unserer Umfrage zufolge mittlerweile viele ihre Feste abgesagt, unter anderem die Sportgemeinschaft Hainhausen, die normalerweise das Hainhäuser Oktoberfest auf die Beine stellt. „Eine Veranstaltung der Größenordnung mit etwa 1 000 Personen ist derzeit noch nicht umsetzbar“, sagt der 1. Vorsitzende Jochen Pommer. Dasselbe in Lämmerspiel: „Die Corona-Lage inklusive der Auflagen und vor allem die Verantwortung, die bei uns in der Vereinsführung liegt, machen es für uns nicht möglich“, teilt Sandra Frey, 1. Vorsitzende des dortigen Carneval-Vereins, mit. Die Germania Klein-Krotzenburg hat das geplante Oktoberfest ebenfalls abgesagt – dafür aber am 2. Oktober immerhin einen „Bayerischen Abend“ im kleineren Rahmen geplant, wie es heißt.

In Hainstadt haben ebenfalls die meisten Vereine ihre Sommerfeste aus dem Kalender gestrichen; aufgrund der ungewissen Pandemie-Lage – und wegen schwer umsetzbarer Verordnungen. „Die Auflagen sind aktuell so gestrickt, dass Vereine sehr hohe Reglementierungen stemmen müssten“, erklärt der Hainstädter Kulturausschuss-Vorsitzende Jürgen Junker. „Für die Vereine, die im August ihre Feste geplant haben, sind diese Regelungen gerade mit Blick auf die namentliche Nachverfolgung der Gäste kaum zu stemmen.“

Daher sei es nachvollziehbar und verantwortungsvoll, wenn die Vereine ihre Veranstaltung absagen oder deutlich kleiner – also vereinsintern – organisierten. „Letztlich muss sich jeder Verein die Frage stellen, ob er die aktuellen Regelungen durchsetzen kann.“ Wie die meisten Vereine der Region, so hofft auch Junker auf ein planbareres Jahr 2022. Er wünscht sich, dass „wir mit steigenden Impfraten spätestens im nächsten Jahr wieder in der bekannten, fröhlichen Art und Weise planen und durchführen können“.

Sponsoren helfen aus der Patsche

In Steinheim hat die Steinheimer Karnevalsgesellschaft (SKG) zwar ihr Bundesäppelwoifest abgesagt, wie ihr Vorsitzender Heiko Lipke berichtet. Stattdessen dürfe aber ein kleineres Sommerfest der SKG vom 27. bis 29. August auf dem Festplatz unterhalb der Kulturhalle steigen – mit maximal 400 Personen. Möglich gemacht habe das die Interessengemeinschaft der Steinheimer Vereine (IGSV), die den örtlichen Vereinen durch ihre erstmalig ins Leben gerufenen „Sommerwochen“ eine Hilfe gibt, ihre Feiern trotz Corona-Unwägbarkeiten abzuhalten. Natürlich sei immer noch das Risiko da, dass alles kurzfristig abgesagt werden müsse, so Lipke. Aber dank der IGSV-Unterstützung bleibe zumindest das finanzielle Risiko klein. Denn Zelt, Gläser, Bierinsel, Kühlung, Bühne, Zäune und Toiletten – die „gesamte Infrastruktur“ – werde laut dem 2. Vorsitzenden der IGSV, Reiner Bohländer, von Sponsoren bereitgestellt. „Den Ertrag ihrer Feste dürfen die Vereine dann für sich und für einen Neustart nutzen“, sagt Bohländer. Die Kosten für das Party-Setting beliefen sich auf 20  000 bis 25  000 Euro, die auch durch unentgeltliche Hilfeleistungen erbracht worden seien.

Gesundheit geht vor Feierei

Obwohl es nur noch knapp drei Wochen bis zur Sprendlinger Kerb sind, ist sich der 1. Vorsitzende des Kerbvereins, Oliver Bohrer, noch nicht ganz schlüssig, wie die Veranstaltung in diesem Jahr über die Bühne gehen könnte. „Wenn überhaupt, dann wird es kurzfristig und etwas ganz Kleines sein“, sagt Bohrer. Man wisse schließlich nicht, wie zu dem Zeitpunkt die Coronalage aussehe. Das mache die Kerb auch für ihn nur sehr schwer planbar. In Münster, Altheim und Eppertshausen sollen die Kerbfeste im September und Oktober nicht im Vollformat steigen. Im kleinen Rahmen feiern wollen aber alle.

In Sprendlingen seien in den vergangenen Jahren – abgesehen von 2020 – an jedem der drei Festtage immer jeweils rund 1 300 Gäste gekommen, sagt Bohrer. Das gehe in Zeiten der Pandemie einfach nicht, meint der Vorsitzende: „Wenn wir eins gelernt haben, dann, dass die Gesundheit über allem steht. Man muss das Risiko nicht durch große Feiern erhöhen.“  

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