Verkehrspsychologe Peter Fiesel im Interview

„Es wird zu einer Live-Show“

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Eine Rettungsgasse für die Retter bilden – häufig ist auf hessischen Autobahnen das Gegenteil der Fall. Und oft genug zücken Leute noch ihr Smartphone, um Bilder zu machen, während andere um das Leben von Unfallopfern kämpfen oder Flammen löschen. Bayern setzt jetzt Sichtschutzwände ein, um die Gaffer abzuhalten.

Offenbach - Wenn es kracht auf Hessens Autobahnen, geht es für Retter und Opfer oft nur um Minuten. Erneut haben Autofahrer keine Rettungsgasse gebildet – diesmal auf der nassen A 3 am Donnerstagabend. Von Nikolas Sohn 

Verkehrspsychologe Peter Fiesel

Ein 24-Jähriger war nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur am Offenbacher Kreuz in die Leitplanke gerast. Ein 32-Jähriger und eine 57 Jahre alte Frau hatten helfen wollen. Weil sie aber nicht auf dem Seitenstreifen, sondern direkt am Wrack hielten, sah ein 47-Jähriger den Unfall zu spät und rammte die Autos. Beide Unfallhelfer wurden schwer verletzt, der 24-Jährige und der 47-Jährige blieben unverletzt. Oft genug geraten Unfälle zu öffentlichen Spektakeln; in starker Erinnerung ist das Busunglück mit 18 Toten auf der A 9 in Franken: Gaffer kommen hinzu, machen Fotos und behindern die Rettungskräfte. Im Interview sagt der Frankfurter Verkehrspsychologe Peter Fiesel, warum er solche Phänomene als gesamtgesellschaftliches Problem sieht – und welche Lösungen er in Betracht zieht.

Wenn Retter nur langsam zum Unfallort gelangen, weil Autofahrer keine Rettungsgasse bilden, geht bei vielen das Messer in der Tasche auf. Bei Ihnen auch?

Für einen Außenstehenden ist das natürlich immer ärgerlich, solche Bilder zu sehen, weil man als Fernsehzuschauer einen ganz anderen Überblick hat und denkt, dass die Leute, die in den Unfall verwickelt sind, keine Hilfe bekommen. Ich denke, in der Öffentlichkeit stößt so ein Verhalten doch sehr auf Unverständnis.

Die deutsche Straßenverkehrsordnung schreibt die Bildung einer „freien Gasse“ auf Autobahnen seit den 1970er Jahren vor ...

Warum das Thema jetzt so hochgekocht wird, kann ich nicht sagen. Das Verhalten der Autofahrer hat sich eigentlich nicht so schlagartig geändert. Es gab da einige Fälle, die sehr spektakulär waren. Die Medien haben das Ganze dann aufgegriffen, und daraus ist jetzt eine Lawine geworden.

Es gibt ja noch Erscheinungen wie das Telefonieren am Steuer. Kreisen die Leute immer mehr um sich selbst?

Das Auto ist im Prinzip ein Schutzraum, eine Art Wohnzimmer. Das klassische Beispiel sind Autofahrer, die an der roten Ampel in der Nase bohren, weil sie sich unbeobachtet fühlen. Der zunehmende Egoismus geht aber auch einher mit einer mangelnden sozialen Kontrolle und einem mangelnden Mitgefühl für Menschen, die vielleicht nicht unbedingt im Blickfeld sind. Das tritt ganz extrem bei Unfällen zutage, wenn die Leute hinzukommen, um zu gaffen. Wo das Ganze im Grunde zu einer Live-Show wird.

In den sozialen Netzwerken überbieten sich die Leute zum Teil in ihrer Selbstdarstellung – mit Autos, Eigentum oder sozialem Umfeld. Inwiefern spielt Narzissmus eine Rolle, wenn sie dort Unfallfotos herumreichen?

Diese ganze Internetsache ist ja gerade bei Jugendlichen eine Form der sozialen Kommunikation und Einbindung. Sagen wir mal, der Verlust der Dorfpappel, wo sich allabendlich alle treffen, wird ersetzt durch Facebook. Oder die Kneipe, in der die Männer zusammenkamen, oder die Waschküche, wo sich die Frauen früher trafen. Neben dem sozialen Gesichtspunkt gibt es natürlich auch einen Wettkampfaspekt, der Bestandteil des globalen Neoliberalismus ist. Ein Wettkampf um die Selbstdarstellung. Wobei die Kehrseite dann das Mobbing darstellt bei denjenigen, die sozial scheinbar nicht passen. Und dann gibt es ja noch die ganzen Youtuber, die für Sachen hochgejubelt werden, bei denen man sich als älterer Mensch fragt, was dieser ganze Schwachsinn eigentlich soll. Wenn man alles zusammennimmt und einen Schritt zurücktritt, ist das eine hoch spannende soziale Entwicklung, die die einzelnen Menschen wahrscheinlich gar nicht wahrnehmen.

Das Wichtigste zum Thema Stau

Feuerwehrleute und Sanitäter sagen, dass sie immer mehr bepöbelt oder behindert werden von Autofahrern, die vielleicht morgen schon selbst aus einem Unfallwagen gezogen werden müssten …

Das ist diese gewisse Unlust an den Politikern, also an allem Offiziellen. Und jeder, der eine Uniform trägt, repräsentiert im Grunde etwas Formelles oder Offizielles. Und diese Personen bekommen dann diese Frustration zu spüren.

Bußgeldbescheide treffen oft erst Wochen nach den Verkehrsdelikten ein. Inwiefern helfen überhaupt höhere Strafen, um renitente Fahrer zur Raison zu bringen?

Das ist schwierig. Das weite Auseinanderliegen von Tat und Bestrafung stellt ja auch ein Problem in der juristischen Aufarbeitung von Jugendkriminalität dar. Das gilt sicher auch im Verkehr. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass Politiker öffentlich bekannt geben, kleine Videokameras an Einsatzfahrzeugen zu installieren, die Autofahrer im Vorbeifahren filmen, weil sie keine Rettungsgasse bilden. Schon eine öffentliche Verlautbarung kann da eine gute Wirkung haben. Dann wissen die Leute, dass das Geschehen elektronisch dokumentiert wird. Das eigene elektronische Abbild ist heute ja schon fast wichtiger als das eigene Bild gegenüber dem Nachbarn.

Muss der Staat präsenter sein auf der Straße?

Das Telefonieren am Steuer zum Beispiel, das weiß jeder Autofahrer, ist ein riesen Problem. Das wird ja auch von allen Seiten diskutiert. Da wäre auch zu veröffentlichen, dass bei jedem Unfall eine Abfrage beim Provider oder Telefonanbieter stattfindet, ob derjenige zum Beispiel bei Whatsapp online war, bzw. telefoniert hat oder nicht. Um einfach ins Bewusstsein zu rücken, dass die Elektronik, die uns Freiheit ermöglicht, auch kontrolliert wird. Das wäre eine Form der staatlichen Präsenz. Die Strafverfolgung hängt der technischen Entwicklung ja oft hinterher.

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