Oper „Manon“ im Staatstheater Wiesbaden

Verruchtes, verflixtes Paris

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Aufstieg und Fall einer Kindsfrau: „Manon“ von Jules Massenet ist in Wiesbaden als farbenfrohe Neuinszenierung zu sehen. Auf dem Bild: Nathaniel Webster als Monsieur de Brétigny und Cristina Pasaroiu als Manon

Wiesbaden - Bekömmlicher Kitsch und Stimmgewalt: Jules Massenets Oper „Manon“ ist am Staatstheater Wiesbaden von Regisseur Bernd Mottl und in farbenfroher Bildsprache neu in Szene gesetzt worden. Von Jörg Sander

Am Staatstheater Wiesbaden darf jedermann seine eigene Idee von Manon bestätigt sehen. Die Hauptfigur in Jules Massenets gleichnamiger Oper ist schüchternes Mädchen und Liebende, Schönheitskönigin und um den Chevalier Des Grieux wie gegen ihren Abstieg kämpfende Frau, schließlich Halbweltdame und heruntergekommene Gefangene. Diese Stationen im Leben einer Kindfrau, die Abbé Prévost in seinem 1731 erschienen Roman beschrieb, haben immer wieder auch Komponisten angeregt.

Noch in bester Erinnerung ist, wie die Oper Frankfurt vor 15 Jahren die drei bedeutendsten Vertonungen des Stoffs in einer Spielzeit bündelte: Giacomo Puccinis „Manon Lescaut“ aus dem Jahr 1893, Hans Werner Henzes 1962 in Hannover uraufgeführten „Boulevard Solitude“ sowie Jules Massenets „Manon“. Wer sich damals über die Sicht des Skandalregisseurs Calixto Bieito auf Massenets „Manon“ geärgert hat, sollte sich die exzellente Neuproduktion im Staatstheater Wiesbaden ansehen, und: anhören.

Denn in Wiesbaden ist die französische Oper vokal mit so viel Stilempfinden zu erleben, dass die gehörige Portion Kitsch, die Manons Weg ins verruchte Paris bietet, höchst bekömmlich ausfällt. Die rumänische Sopranistin Cristina Pasaroiu singt lyrisch und dramatisch stark, mit Tiefenschärfe und fesselnden Koloraturhöhen. Dass sie die Probenwochen wegen einer Fußverletzung überwiegend von der Bühnenseite aus begleiten musste, ist ihr nicht anzumerken.

Als ihr Bühnenpartner gerät Ioan Hotea als Chevalier Des Grieux tenoral zwar manchmal unter Druck, überzeugt aber vor allem im zweiten Teil. Die drei Stunden lange Produktion begleitet Gastdirigent Jochen Rieder mit einem fabelhaft aufgelegten Hessischen Staatsorchester, indem er die im permanentem Übergang und häufigen Walzerakt stehende Musik schön in der Schwebe hält.

Pariser Haute Couture startet dynamisch durch

Der Chor begeistert, ebenso der noble Bariton Christopher Bolduc als Manons Cousin Lescaut und Benjamin Russell als luxuriös besetzter Ränkespieler Monsieur de Brétigny. Regisseur Bernd Mottl hat mit seinem Ausstatter Friedrich Eggert ein unterhaltsames Bilder-Kaleidoskop erarbeitet, das Manons Lebensstationen gut nachvollziehen lässt. Die Spielorte wirken so vorläufig wie die Stationen des Geschehens: die Raststätte, in dem Manon auf den Chevalier Des Grieux trifft, die Klosterstube, in die dieser sich enttäuscht zurückzieht, oder die spätere Spielhölle. Das häufig rastlose Bühnenpersonal erinnert mit knallbunter Kleidung an die 1960er und 1970er Jahre, als man sich, siehe Henze, für Manon besonders begeisterte. Doch die Faszination des Sujets kann, wie die umjubelte Wiesbadener Premiere zeigte, auch in Jules Massenets Sicht immer noch eine große sein.

Termine im November am 5., 9., 11., 15., 17. und 26.

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