Wo sind die Millionen der Kasseler Kunstschau hin?

Vertraulicher Bericht: Documenta-Leiter soll im Februar mit Rücktritt gedroht haben

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Documenta-Leiter Adam Szymczyk soll laut einem vertraulichen Wirtschaftsbericht im Februar mit seinem Rücktritt gedroht haben.

Kassel - In der Debatte um das Millionendefizit der diesjährigen documenta ist ein Wirtschaftsbericht aufgetaucht, der Einblick in die Finanzplanung der Ausstellung geben soll.

Er liegt offenbar der Kasseler Regionalzeitung „Hessisch-Niedersächsische Allgemeine“ (HNA) vor. In der Studie sei zu lesen, dass der Künstlerische Leiter der Ausstellung, Adam Szymczyk, in einem Gespräch mit documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff und Kassels früherem Oberbürgermeister Bertram Hilgen mit einem Rücktritt gedroht haben soll, wenn er seine Vorstellung von der Präsentation im Athener EMST (Griechisches Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst) nicht verwirklichen könne. Szymczyks Konzept hätte das Budget wohl überzogen.

Das Gespräch habe im Februar 2017 stattgefunden, schrieb die HNA, zwei Monate vor dem Start der documenta in Athen. Kulenkampff und Hilgen hätten Szymczyks Wunsch dann entsprochen, weil sie sonst die Eröffnung der d14 in Gefahr gesehen hätten, so die HNA weiter. Somit hätten sie einen Millionenverlust in Kauf genommen.

Gegen diesen Vorwurf hat sich Hilgen in einem Interview mit dem Deutschlandfunk gewehrt. Seine Rolle im documenta-Debakel sei „grob falsch“ dargestellt worden. Es habe im Februar in der Tat ein solches Gespräch mit Szymczyk gegeben. Wahr sei auch, dass „die Sorge bestand, dass Adam Szymczyk sein Amt als Kurator der documenta niederlegt, weil das Konzept zur Bespielung des EMST den festgelegten Finanzrahmen überschritten hätte“, so Hilgen im Interview.

Allerdings hätten Hilgen und Kulenkampff deutlich gemacht, dass es keine Erhöhung des Etats geben werde. Im Sommer 2016 war das Budget durch Fördergelder von Stadt, Land und Bund bereits um fünf Millionen Euro erhöht worden.

Bilder: Eröffnung der documenta 14 in Kassel

Mit Szymczyk sei vereinbart worden, an anderer Stelle Geld zu sparen, sagte Hilgen im Deutschlandfunk: „Und dann haben wir eine Liste verabredet, die Geschäftsführerin, Herr Szymczyk und ich, wo wir für rund 550.000 Euro Einsparungen in Kunstprojekten festgelegt haben, sodass die Mehraufwendungen im EMST durch diese Reduzierungen ausgeglichen werden konnten.“ Darüber habe er die Bundeskulturstiftung und den hessischen Kulturminister Boris Rhein informiert, nicht aber den documenta-Aufsichtsrat.

Im Raum steht derzeit ein Defizit von fünf bis acht Millionen Euro. Die Stadt Kassel und das Land Hessen erklärten sich in der vergangenen Woche bereit, als Gesellschafter gemeinsam acht Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, um die documenta-Gesellschaft zu stützen (wir berichteten). Am Montag hatte die Stadt eine Bürgschaft von vier Millionen Euro zugesagt. (beri)

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