Experten sehen seltene Arten bedroht

Vogelschutz versus Windkraft

Falkner Michael Schanze mit einem Rotmilan in seiner Auffangstation für Greifvögel in Haunetal. Tierschützer beklagen, dass seltene Arten durch den Windkraft-Ausbau zunehmend in Gefahr geraten.  (c)Foto: dpa
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Falkner Michael Schanze mit einem Rotmilan in seiner Auffangstation für Greifvögel in Haunetal. Tierschützer beklagen, dass seltene Arten durch den Windkraft-Ausbau zunehmend in Gefahr geraten.

Hünfeld/Kassel/Wiesbaden - Immer wieder geraten streng geschützte Vögel in Windkraftanlagen und verenden. Tierschützer beklagen, dass seltene Arten durch den Windkraft-Ausbau zunehmend in Gefahr geraten. Behörden versichern, dass der Tierschutz ernst genommen werde. Ein Spannungsfeld. Von Jörn Perske 

Greifvögel wie der vom Aussterben bedrohte Rotmilan leben in Hessen zuweilen gefährlich. Das hat auch ein Jungvogel zu spüren bekommen, den Falkner Michael Schanze in seiner Greifvogel-Auffangstation im osthessischen Haunetal aufgenommen hat. Dem Tier sei durch Fremdeinwirkung mit einer Flüssigkeit das Gefieder verätzt worden. „Ich bin fassungslos, dass jemand so etwas macht“, sagt Schanze. Der Greifvogel-Experte, der auch im Auftrag des Regierungspräsidiums (RP) Kassel arbeitet, wird den Rotmilan pflegen, bis er ausgewildert werden kann.

Eine viel größere Gefahr für die Vögel sind in Hessen aber offenbar Windkraftanlagen. Sie sind mit ihren Rotorblättern lebensbedrohlich für streng geschützte Vogelarten wie den Rotmilan oder Schwarzstorch. „Durch den Ausbau der Windenergie sind sie so stark in ihrer Existenz bedroht wie nie zuvor. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung“, warnt Jochen Tamm, Vorstandsmitglied bei der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON). Der Zoologe arbeitete rund 20 Jahre bei der Oberen Naturschutzbehörde im RP Kassel. Im Ruhestand engagiert sich der 67-Jährige weiter im Tierschutz.

Auch der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) erklärt: „Greifvögel gehören weltweit zu den häufigsten Opfern von Windkraftanlagen.“ Stark betroffen vom Vogelschlag durch Windkraft ist in Hessen etwa der Vogelsbergkreis, wo viele Anlagen stehen, und zum Beispiel Osthessen, wie die HGON nennt. Reinhard Kolb vom Arbeitskreis Fulda/Rhön gerät in Rage, wenn er neben den gewaltigen Windrädern in Hofbieber-Traisbach (Landkreis Fulda) steht und an die Folgen für die Vogelwelt denkt. „Im nahen Biosphärenreservat Rhön wird fast eine Million Euro ausgegeben, um den Rotmilan zu schützen, und ein paar Kilometer weiter wird er von den gewaltigen Windkraftflügeln erschlagen und geschreddert.“ Die Anlagen seien mit dem Tierwohl unvereinbar.

Das Umweltministerium in Wiesbaden erwidert: Die Anlagen dort seien rechtens. Das hätten auch Verwaltungsgerichte bestätigt. Und die Windräder stünden zwei Kilometer außerhalb des Biosphärenreservates. Das Waldgebiet sei ohnehin nicht so attraktiv für Rotmilane.

Dennoch: „Windkraftanlagen sind ein Riesenproblem für den Vogelschutz. Und das Tötungsrisiko steigt mit dem Ausbau der Windenergie“, sagt Bastian Sauer, Leiter des „Artenhilfsprojekts Rotmilan Rhön“. Mehr als die Hälfte des weltweiten Bestandes von mehr als 25.000 Paaren brüte in Deutschland. Die Zahl der Exemplare sei seit den 1990er Jahren bundesweit um ein Drittel gesunken. Und die Rhön ist ein wichtiges Brutgebiet in Deutschland.

Der Rotmilan wird Sauer zufolge nach dem Mäusebussard unter den Greifvögeln am zweithäufigsten von Windrädern in Deutschland erschlagen. Häufig betroffen seien auch Seeadler. „Es gibt große Verluste, auch bei Kleinvögeln und Fledermäusen“, sagt Sauer. Rotmilane segelten gewöhnlich in der Höhe von Windrädern, den Blick zum Boden auf potenzielle Beute – wie etwa Mäuse – gerichtet. An den Windrädern kann es zu unkalkulierbaren Luftverwirbelungen kommen. Vögel können dadurch gegen die Anlagen geraten und verenden.

Wie viele Exemplare an den Anlagen tatsächlich zu Tode kommen, ist unklar. Statistiken gibt es nicht. Und selbst den Experten fallen Einschätzungen schwer. Hinzu kommt: „Beutegreifer wie Füchse, Wildschweine und Marder holen sich schnell die toten Tiere. Deswegen findet man nur einen Bruchteil. Bereits nach zwei Tagen entdeckt man nur noch die Hälfte der erschlagenen Vögel. Nach einer Woche ist die Platte geputzt. Da gibt es keine Beweise mehr für Vogelschützer“, so Tamm.

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Die Politik und Behörden wissen um die Problematik: Windkraftanlagen versus Vogelschutz. Doch die Genehmigungsbehörden verweisen darauf, dass die Planungen für potenzielle Windenergie-Flächen in Hessen mit der Oberen Naturschutzbehörde abgestimmt werden. Es gilt auch die Schutzempfehlung, im Umkreis von 1500 Metern zu Rotmilan-Brutplätzen keine Windräder zu errichten. Dies stellt nach Ansicht von Vogelschützern und Falkner Schanze aber keinen effektiven Schutz dar.

Das RP Kassel betont, dass bei Windkraftplanungen der Vogelschutz berücksichtigt werde. Wo viele Rotmilane oder Schwarzstörche vorkämen, würden keine Gebiete ausgewiesen. Zudem gebe es die Möglichkeit, die Vögel durch Geräusche oder optische Irritationen zu warnen. Oder durch Ablenkungsmaßnahmen werde versucht, die Tiere zu einem Wechsel ihres Lebensraumes zu bewegen.

Das Umweltministerium in Wiesbaden versichert, bei der Ausweisung der Windkraftflächen sei es das Ziel, „möglichst risikoarme Standorte mit einem hohen Windertrag auszuwählen“ und „bestehende Tötungsrisiken durch eine artenschutzfachliche Begutachtung zu ermitteln“. Doch im Fallbeispiel Hofbieber-Traisbach scheiden sich bei der Bewertung offenbar die Geister. (dpa)

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