In Schwalmstadt

Wenn der Opa im Knast sitzt: Besuch im Seniorenvollzug

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Der demografische Wandel ist in hessischen Gefängnissen angekommen. Dort gibt es immer mehr ältere Häftlinge.

Schwalmstadt/Wiesbaden - Im hohen Alter den Alltag meistern, das kann schwierig sein. Dies gilt auch für Häftlinge. In Nordhessen gibt es deshalb eine spezielle Einrichtung. Von Göran Gehlen 

Enten füttern oder Enkel erziehen – für die Bewohner des Kornhauses in Schwalmstadt ist das unmöglich. Sie sind zwar im passenden Alter und haben einen Teich, doch der ist von Mauern und Stacheldraht umgeben. Das Kornhaus ist Hessens Seniorenvollzug – ein Gefängnis für Straftäter ab 55 Jahren. Mitten in der Stadt steht das historische Gebäude aus dem Jahr 1576. Der Name Kornhaus ist Programm – früher wurde dort Getreide gelagert. Heute gibt es 35 Haftplätze für Senioren. In Hessen sind das Straftäter ab 55 Jahren. Eine bundesweit einheitliche Festlegung gebe es jedoch nicht, sagt Jörg Bachmann, Leiter der Justizvollzugsanstalt Schwalmstadt. Zu der gehört das Kornhaus. Die meisten Insassen sind zwischen 60 und 70 Jahre alt.

2005 wurde der Seniorenvollzug ins Leben gerufen. Der demografische Wandel macht vor dem Gefängnistor nicht Halt: Laut Justizministerium stieg die Zahl der Inhaftierten über 60 Jahre in den vergangenen sechs Jahren von 169 auf 180. Im selben Zeitraum sank die Zahl der Häftlinge von 4333 auf 3551. Weiterer Punkt: Die Zahl der Verurteilten über 50 steigt seit Jahren. Knapp 8000 sind es pro Jahr in Hessen. Davon muss nicht jeder ins Gefängnis – aber zumindest einige.

„Die Inhaftierten werden älter, und mit dem Alter kommen die menschlichen Fragen, die es auch in der Außenwelt gibt“, erklärt Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU): Krankheit, Gebrechlichkeit, Demenz. Der Seniorenvollzug gehe auf diese praktischen Bedürfnisse ein, ohne die Sicherheit zu vernachlässigen.

Auch wenn mancher Senior wie ein netter Opa aussieht: „Brave Jungs sind das nicht“, sagt JVA-Leiter Bachmann. Unter ihnen sind verurteilte Mörder, Räuber und Betrüger. Gebrechen haben fast alle. Ein Drittel sind Diabetiker, andere haben Herz-Kreislauf-Krankheiten, Demenz. Auch Krebsfälle gibt es. Im Gefängnis sterben soll niemand. Ist der Tod absehbar, kann laut Bachmann die Strafe unterbrochen werden – für einen Gang ins Hospiz.

Gewalt in deutschen Gefängnissen ist Alltag

Geflohen ist aus dem Seniorenvollzug nach Aussage des JVA-Leiters noch niemand. Dabei sind die Sicherheitsvorkehrungen niedriger als in der wenige Meter entfernten Hauptanstalt. Wie groß die Unterschiede zwischen Justizvollzugsanstalt und Seniorenvollzug sind, wissen die Insassen. „Hier ist es fast paradiesisch im Vergleich“, sagt ein 55-jähriger Berliner und fügt hinzu: „Es ist aber noch ein Gefängnis, ganz klar. Ein gewisses Maß an Leidensdruck ist vorhanden.“ Der zu sechs Jahren verurteilte Betrüger hatte vom Kornhaus gehört und seine Verlegung beantragt. Er leidet nach eigenen Angaben an schweren orthopädischen Krankheiten und Erbkrankheiten.

Der Seniorenvollzug verfolge sehr erfolgreich die „Konzeption des gelingenden Alterns“, erklärt der Gefangene. Doch einer der jüngsten unter den Alten zu sein, habe Nachteile: Bedingt durch Demenz und Altersstarrsinn stritten sich die Insassen manchmal über Kleinigkeiten wie das Essen. Das Kornhaus unterscheidet sich noch in anderer Hinsicht vom normalen Strafvollzug: Es gibt einen Pflegedienst, der zweimal pro Tag kommt. Der wird extern eingekauft.

Auch im Seniorenvollzug geht es nicht ums Wegsperren. Stattdessen sollen die Häftlinge auf die Freiheit vorbereitet werden. „Das Entlassungsmanagement ist eine der schwierigsten Aufgaben“, sagt Bachmann. Denn nach dem Ende der Strafe dürfen die Senioren nicht auf der Straße sitzen. Man versuche sie bei Familien, Freunden oder in Betreuungseinrichtungen unterzubringen. (dpa)

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