Polizeisportverein: Bürger und Beamte trainieren gemeinsam

Werben für Respekt und Toleranz

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Scheingefecht mit der Staatsgewalt: Studentin Miriam Pyttel (rechts) misst sich im Training mit einer Polizeipraktikantin.

Wiesbaden - Gegen Polizisten kämpfen? Das geht in einem Sportverein in Wiesbaden. Dabei gibt es Lektionen aus erster Hand im Fall von Gewalt auf der Straße. Von Maximilian Perseke 

Es ist Mittwochabend, draußen ist die Sonne längst untergegangen. Miriam Pyttel trainiert in einer Sporthalle auf dem Gelände der hessischen Polizeiakademie – die Kampf- und Verteidigungssportart Ju-Jutsu beim Polizei-Sport-Verein Grün-Weiß Wiesbaden. „Ich habe großen Respekt dafür entwickelt, was alles auf der Straße passieren kann“, sagt die Kommunikationsdesign-Studentin über die Lehren, die sie mitgenommen hat.

In Hessen gibt es etwa 20 Vereine, die sich zur Aufgabe gemacht haben, das „Miteinander von Bürgern und Polizei zu stärken“. Dies geht aus einer Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage mehrerer CDU-Abgeordneter hervor. Die Vereine dienen demnach als „Bindeglied zwischen Bürgern und Polizisten“. Zudem könne die Bereitschaft der Bürger gefördert werden, „bei der Gewährleistung der inneren Sicherheit mitzuhelfen“.

Das klingt ganz nach dem Ju-Jutsu-Training in der hessischen Polizeiakademie. 17 Sportler, darunter Pyttel, laufen sich erst warm – knapp die Hälfte sind Polizisten. Danach trainieren sie paarweise Angriff und Verteidigung. Schläge, Tritte, Abwehr. Miriam gegenüber steht die 17-jährige Michelle, Praktikantin bei der Polizei.

Was wichtig ist im Kampfsport? „Respekt, Toleranz“, sagt Trainer Frank Witte, der Polizist ist, dazu Europameister und World-Cup-Gewinner im Ju-Jutsu. Und: „Wer zuerst aufgibt, hat verloren.“ Das gelte für Polizisten wie für Zivilisten. Was die Zivilisten hier noch lernen? Sie merkten, dass Polizisten „keine unnahbare Autorität“ seien, erklärt Witte. „Schmerz und Leid gibt es überall.“ Und es gebe weit mehr über den Polizeiberuf zu erfahren als im Fernsehen aus „Alarm für Cobra 11“.

Solche Einblicke gibt es nicht nur in Wiesbaden. In ganz Hessen sporteln, singen oder funken Polizisten und Bürger miteinander. Sechs das Miteinander fördernde Vereine gibt es ganz im Norden in Kassel, darunter ein Polizeichor und ein Funkclub. Der südlichste Verein, „Bürger und Polizei“, ist in Heppenheim beheimatet.

Trainer Witte will Zivilisten darauf vorbereiten, verbale und körperliche Übergriffe abzuwehren. Auch von Gegnern in der Überzahl. Das habe er mit Kollegen im Dienst schon durchlebt. Der 52-Jährige vermittelt seine Erfahrungen. „Aber ohne Dienstgeheimnisse preiszugeben, insbesondere polizeitaktisches Vorgehen“, sagt er. Denn Ju-Jutsu ist für Polizisten eben mehr als nur ein Hobby.

Das Bundesinnenministerium beauftragte nach Angaben des Deutschen Ju-Jutsu-Verbands 1967 fortgeschrittene Kampfsportler, ein effektives, stiloffenes und übergreifendes System der waffenlosen Selbstverteidigung für die Polizei zu erstellen. Zwei Jahre später, 1969, wurde Ju-Jutsu demnach als Sportart für das dienstliche Einsatztraining in der Polizei eingeführt.

Ju-Jutsu ist nicht zu verwechseln mit „Jiu Jitsu“. Der Grundgedanke komme zwar von der klassischen Kampfkunst, sagt Witte. Es werden nämlich Techniken des Schlagens, Tretens, Werfens und des Bodenkampfes kombiniert. Doch im modernen Ju-Jutsu spiele die Abwehr von Angriffen mit Messer, Stock und Schusswaffe aus der Nahdistanz eine große Rolle. Trotzdem müsse man realistisch bleiben. Bei Attacken mit Messern und Schusswaffen sei größte Vorsicht geboten. Man solle nie den Helden spielen. Ohne Fluchtmöglichkeit gebe es aber oft keine Alternative zur Verteidigung.

Die richtige Kampfsportart finden

Die Vorbereitung auf Gefahren fängt schon in den Trainingsgruppen der Kinder an. Verbrechensmeldungen aus Zeitungen werden angesprochen, erklärt Manfred Tecl, der dem Polizeisportverein seit Jahrzehnten als Präsident vorsteht. Es werde den Kleinen beigebracht, Fremde zu siezen, Abstand zu wahren. Das kommt an: Der Verein hat kein Nachwuchsproblem. Von den Kindern und Jugendlichen landen sogar viele später bei der Polizei, sagt Tecl.

Das Interesse, Nachwuchs zu finden, sei verständlich, sagt Adrian Gabriel, Referent für Innenpolitik bei der Fraktion der Linken im hessischen Landtag in Wiesbaden. Es müsse aber klar bleiben, wo Polizei aufhört und Zivilgesellschaft anfängt, auch in der Finanzierung und der Berufswerbung. -  dpa

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