Der Anfang des Malens

Ausstellung wirft Blick auf Gerhard Richters frühe Jahre

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Der Maler und Bildhauer Gerhard Richter

Wiesbaden - Gerhard Richter ist eine der ganz großen Nummern im Kunstbetrieb. Das Museum Wiesbaden wirft jetzt in der Ausstellung „Gerhard Richter – Frühe Bilder“ einen Blick auf die künstlerischen Anfänge des Malerstars. Von Lisa Berins

Die Schau war in abgeänderter Form bereits in Bonn und Gent zu sehen. In den 1960er Jahren waren die Bilder von Gerhard Richter noch zu verhältnismäßig kleinen Preisen zu haben. Doch das Museum Wiesbaden verpasste die Chance, Werke des aufstrebenden Künstlers anzukaufen. Dabei wäre die Möglichkeit ganz nah gewesen: Im Jahr 1966 zeigte das Museum Werke junger Düsseldorfer Maler, darunter neben Sigmar Polke, Thomas Bayrle und anderen auch Gerhard Richter. Doch es schien zu riskant, auf dieses „unsichere Pferd“ zu setzten, sagt Ausstellungskurator Jörg Daur. Erst zehn Jahre später wurden die ersten Richter-Bilder angekauft – für ein Vielfaches des Preises.
Richter hatte in der Zwischenzeit eine steile Karriere hingelegt. In der Ausstellung „Gerhard Richter – Frühe Bilder“ ist jetzt zu sehen, wie diese Erfolgsgeschichte begann, wie der Künstler damals arbeitete – und was seine Kunst bis heute spannend macht.

Der 1932 in Dresden geborene Richter studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei K.O. Götz, einem deutschen Informell-Maler. In der direkten Nachkriegszeit war die abstrakte, gestische Malerei der ultimative Ausdruck für die westliche Freiheit – im Gegensatz zur figürlichen, realistischen Kunst, die im Osten gelehrt wurde. Doch für Richter waren diese Fronten uninteressant. Er gehörte einer neuen Maler-Generation an. „Es spielte keine Rolle, ob er abstrakt oder figurativ malte“, sagt Daur. Bei Richter existierten diese Richtungen von Anfang an nebeneinander. Dem Künstler gehe es „immer nur um die Bildfläche“, glaubt Daur. Um das zu verstehen, muss man die Wiesbadener Schau besuchen.

Im ersten Raum hängt ein Bild, das schon in der 1966er-Ausstellung in Wiesbaden zu sehen war, einem großen Spiegel gegenüber: „Vorhang IV“ heißt es schlicht. Zu sehen sind die Wellen eines Stoffes, weich ineinanderfließendes Hell und Dunkel. Wäre nicht am unteren Bildrand die Stoffkante zu sehen – es könnte ebenso gut ein abstraktes Gemälde sein. Einen Raum weiter sind großformatige Bilder mit Titeln wie „Fenstergitter“ oder „Wellblech“ zu sehen. Auch bei ihnen ist man nicht sicher: Sieht man nun ein Wellblech? Oder ein ungegenständliches Bild? Oder einfach nur ein Muster? Es ist ein Spiel mit dem Sehen und mit den Möglichkeiten, die eine Leinwand, eine Fläche bietet: eine Öffnung in einen neuen Raum, vielleicht in eine andere Welt.

Sicherlich habe Richter dabei die Kunstgeschichte im Blick gehabt, sagt Daur: die Vorliebe für das Fenstermotiv in der Renaissance und den Vorhang bei Vermeer. Viel mehr als historische Zitate aber zeigen diese frühen Bilder die konzeptuelle Herangehensweise des Künstlers, die er neben dem Malen von abstrakten Bildern und seinen berühmten Foto-Bildern entwickelte.

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Ende der 1960er Jahre entdeckte Richter – ähnlich wie seine Pop-Art-Kollegen – das Foto als Motivvorlage. In Zeitungen und Zeitschriften gefundene Bilder bearbeitete er und malte sie in verfremdeter Form ab – unter anderem, indem er mit einem dicken Pinsel waagerecht über das frische Bild streifte. „Mit der Fotovorlage musste er das Thema, die Komposition nicht mehr selbst erfinden“, erklärt Daur. Richter konnte sich auf das Malerische konzentrieren. Auffällig ist die Präferenz aller Nuancen der Farbe Grau.

Weshalb ausgerechnet das Bild „Königin Elisabeth“ farbig sei, kann Daur nur vermuten: Wahrscheinlich sei auch die Vorlage farbig gewesen. Manchmal ist die Erklärung eben doch einfacher als gedacht.

Ab morgen bis 17. Juni im Museum Wiesbaden

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