Erbgutauswahl soll Fichten retten

Samenspende mit 180 Jahren

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Baumkletterer Jörg Stücker erntet in Willingen in der Krone einer über 160 Jahre alten Fichte die wertvollen Zapfen.

Willingen - Die Fichte hat einen schlechten Ruf. Zu unrecht, sagen Behörden und Holzwirtschaft. Sie wollen die schrumpfenden Bestände retten. Dafür sind auch waghalsige Kletterpartien nötig. Von Göran Gehlen 

Damit die deutsche Fichte eine Zukunft hat, riskieren Jörg Stöcker und Rainer Büchner ihr Leben. 30 Meter über dem Erdboden ernten die Baumkletterer am Freitag die Zapfen der Strycker Fichten bei Willingen. Es wird die letzte Samenspende der über 180 Jahre alten Baumriesen sein. Sie haben ihr Lebensende erreicht und gehören zu einer Gattung, die in Hessen auf dem Rückzug ist.

Die Situation ist paradox: Laut Hessen Forst ist die Fichtenfläche im Land in den vergangenen 25 Jahren von 85 000 auf 75 000 Hektar gesunken. Gleichzeitig gilt sie aber als „Brotbaum“ der Holzwirtschaft, der einen Großteil der Erträge bringt. Doch die Fichte hat einen schlechten Ruf, gilt als anfällig für Klimawandel, Windwurf und Schädlinge. Saatgutbetriebe, Baumschulen, Forstwirtschaft und die Holzwirtschaft warnten seit einiger Zeit, dass Fichtenholz knapper werde, sagt Michael Conrad, Sprecher des Regierungspräsidiums Kassel. Dort ist eine Obere Forstbehörde des Landes angesiedelt. Sie entscheidet unter anderem, welche Bäume für die Vermehrung in Hessen genutzt werden. Ihr 150-jähriges Bestehen nutzt die Behörde nun, um auf die Situation der Fichten aufmerksam zu machen.

Geerntet werden nur Samen geprüfter Bäume – wie die Fichten nahe dem kleinen nordhessischen Ort Stryck. Sie müssen den Anforderungen in Sachen Gesundheit, Stabilität und genetischer Vielfalt genügen. Die Baumkletterer pflücken die Zapfen, die dann in die Saatgutstelle nach Hanau gebracht werden. Die Samen werden eingelagert, zum Aufforsten verwendet, 70 Prozent wandern auf den freien Markt.

Dass die Fichte wichtig ist, zeigen Zahlen von Hessen Forst: 40 Prozent der Bäume in Hessen seien Nadelhölzer, auf 22 Prozent der Flächen stünden Fichten. Doch sie lieferten 40 Prozent des Holzeinschlags und knapp 50 Prozent der Erträge.

Wie abhängig die Holzwirtschaft von der Fichte ist, macht Lars Schmidt deutlich, Geschäftsführer des Deutschen Säge- und Holzindustrie-Bundesverbandes: „Über 85 Prozent aller Holzprodukte bestehen aus Nadelholz.“ Wenn man Produkte wegen fehlenden Nadelholzes nicht herstellen könne, seien über eine Million Arbeitsplätze in Deutschland in Gefahr. In Hessen hängen 11.000 Betriebe vom Holz ab. „Jetzt gilt es, gezielt Fichten anzupflanzen, die den künftigen klimatischen Bedingungen angepasst sind“, sagt Schmidt.

Der Schwarzwald wird wild: Nationalpark entwickelt sich

Eine Lösung, die kaum einer in Deutschland will, wäre der Import: „Mit jedem Kubikmeter, den wir importieren, machen wir Naturwald platt“, sagt Rolf Schulzke, Leiter der Oberen Forstbehörde. Die in Verruf geratenen Monokulturen von Fichten sind nicht Ziel der Förster. Stattdessen soll ein Mischwald entstehen – in dem die Fichte ihren Platz hat. Denn sie sei „ein Baum mit Zukunft“. (dpa)

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