DJ Dr. Motte über die Nacht- und Partykultur

„Wir wollen nicht aufhören zu feiern“

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DJ Dr. Motte legt auch mit 57 Jahren noch bis tief in die Nacht auf.

Kassel - Eine gute Party adelt die Nacht – auch an Heiligabend. Nach der Bescherung suchen viele junge Leute in Clubs nach Tanz und Bewusstseinserweiterung. Wir sprachen mit Techno-DJ Dr. Motte, dem Erfinder der Loveparade in Berlin, über die Nacht als Feier- und Freiraum. Von Maja Yüce

Was hinterlässt eine Clubnacht außer Augenringen?

Euphorie. Man hält eine schöne Erinnerung wach. Getanzt wird seit Menschengedenken, und zwar zu allen möglichen Rhythmen. Ich bin seit 1976 in der Clubkultur unterwegs. Wir haben unseren eigenen Stil und unsere Kultur entwickelt.

Kultur, Tanz und Exzess sind aber keine Techno-Erfindung.

Wir nehmen heute mit der elektronischen Basedrum Kontakt mit dem Ur-Rhythmus der Menschheit auf –vom Urkult zur Kultur. Es war schon immer so: Durch den monotonen Sound kommt man in Trance und kann neue Dimensionen entdecken.

Vor allem Technopartys beginnen erst nach Mitternacht. Warum ist die Verlockung des Nachtlebens stärker als die Aussicht auf einen ausgeschlafenen Morgen?

Wir wollten eigentlich nicht aufhören zu feiern. Und die echte Szene will nicht gemischt werden mit dem normalen Fußvolk. Wenn man es ganz böse sagt: Mit den Touristen und den Normalos wollen wir nichts zu tun haben. In den 80er-Jahren sind wir in Berlin in den Club „Dschungel“ gegangen. Immer donnerstags oder sonntags – dann lief unsere Musik. Wir wussten, freitags und samstags ist das normale Volk dort. Wir wollen eine Party im Club haben, ab drei Uhr oder später, bei der man zu noch nie gehörter Musik hochjubelt.

Sie legen bis in den Morgen auf. Was machen Sie am Tag?

Auf jeden Fall muss ich mich erst mal erholen. Ich bin ja nicht mehr der Jüngste – aber ich bin immer auch beseelt von der schönen Nacht. Ich bin gerne lange wach, habe es aber noch nie geschafft, drei Tage am Stück zu feiern.

Wie wichtig ist das Feiern in einem Club für den sozialen Zusammenhalt?

Sehr! Wir sind eine Familie, die der Musikliebhaber. Musik spricht alle Sprachen, jeder versteht sie – ob er sie mag oder nicht. Sie bringt Menschen zusammen. Eine Verbindung, die über das Konventionelle hinaus geht.

Die Loveparade war eine Party, die zu einem Meilenstein in der Geschichte geworden ist.

Ein Meilenstein in der Geschichte der Erde! Die Leute kamen aus der ganzen Welt nach Berlin, ich werde heute noch auch in anderen Ländern darauf angesprochen. Wir haben mit ihr nicht nur die Nacht erobert, wir wollten auch den Tag erobern.

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