Auf dem Spielplatz der Literatur

Ein Youtube-Kanal soll Jugendliche fürs Lesen begeistern

+
„Odyssee to go“: Das Plastikensemble von Michael Sommer hat fast 200 Literaturklassiker im Repertoire, unter anderem auch Homers bekanntes Epos. Die Youtube-Videos sind besonders bei Schülern beliebt. Mittlerweile bietet der Literaturwissenschaftler einmal im Monat eine Livesendung an.

Offenbach - Jugendliche und Klassiker der Weltliteratur – das ist eher so etwas wie eine Zwangsbeziehung, wenn überhaupt: Goethe, Büchner, Kafka und Co. werden von der Masse der Nachwuchsleserschaft höchstens im Deutschunterricht in die Hand genommen. Von Lisa Berins

Michael Sommer, Theaterdramaturg, Literaturwissenschaftler und Hobbyfilmer, hatte eine Idee, wie die Literatur in Zeiten des Internets ihren Weg zur jungen Generation finden kann: mit Playmobilfiguren und einem Youtube-Channel (gebündelt auch unter sommers-weltliteratur.de).

Es ist eine der berühmtesten Szenen der Weltliteratur. In der Fassung von Michael Sommer tragen die Protagonisten gelbes Plastikhaar. Playmobil-Gretchen durchbohrt Faustus mit aufgemalten braunen Klimperaugen. Eine Stimme erzählt aus dem Off: „Gretchen so: Ich bin so verliebt! Und der Faust: Ich hab so nen Druck! Und deshalb reden sie beim nächsten Date natürlich über – Religion. Gretchen: Also Heini, wie hast du’s mit der Religion? Faust: Mit was? Ja, find ich super! Hier guck mal, das sind so’n paar homöopathische Tropfen, da gibste deiner Mutter mal ‘n paar, und dann kriegt die gar nicht mit, wenn ich heute Nacht bei dir bleibe ...“

In knappen neun Minuten hat Michael Sommer, gebürtiger Kasseler, den ersten Teil der Faust’schen Tragödie in einem Youtube-Video und mithilfe eines Plastikfiguren-Ensembles erzählt. Rund eine halbe Million Mal wurde der Film angeguckt. Die Kommentare sind euphorisch: „Saumäßig stark“ oder „Vielen Dank! Ich denke, du hast meine Klausur morgen gerettet“, „Unsere Deutschlehrerin empfiehlt dich“, „Deutsch LK Abi 2018“.

Was Sommer macht, kommt an. Vor fünf Jahren fing der Dramaturg und Autor mit seiner Weltliteratur „to go“ an: Am Ulmer Theater sollte er zur Inszenierung von Büchners „Dantons Tod“ eine Einführungsveranstaltung halten. Um’s unterhaltsamer zu machen, drehte er ein kurzes Video mit Playmobilfiguren. Mittlerweile kooperiert Sommer mit dem Reclam-Verlag: Der sponsort Sommers „Weltliteratur to go“ und wirft einen Blick aufs fertige Video. Einmal in der Woche, so ist der Deal, geht ein neues Literatur-Video online. Zum heutigen „Welttag des Buches“, der auf William Shakespeares (vermutetem) Geburts- und Todestag liegt, ist’s „Julius Caesar“.

Mittlerweile ist die Liste der Filme, die Sommer in seiner Wohnung dreht, lang: Zu finden sind Titel wie Georg Büchners „Woyzeck“, Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“, Homers „Die Odyssee“, Theodor Storms „Der Schimmelreiter“, Fontanes „Effi Briest“, Max Frischs „Homo faber“, aber auch neuere Literatur wie etwa „Agnes“ von Peter Stamm oder Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ – alle Videos sind etwa zehn Minuten lang. Rund 200 Filmchen hat Sommer mittlerweile auf seinen Youtube-Channel gestellt, insgesamt wurde der Kanal fast sieben Millionen Mal aufgerufen.

„Zeit ist eine sehr knappe Ressource“, sagt Michael Sommer. „Alles wird ökonomisiert und muss effizient sein. Es bleibt keine Zeit mehr für Langeweile oder für ein dickes Buch.“ Seine Zusammenfassungen treffen wahrscheinlich vor allem deshalb den Nerv der Zeit.

Aber der Erfolg könnte auch noch an etwas anderem liegen: Die Art des Lesens hat sich sehr stark verändert – besonders durch das Fernsehen und das Internet, findet Sommer: „Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer.“ Oft fehle es vor allem Jugendlichen, die mit enormem Medienkonsum aufwachsen, an Muße und auch an Durchhaltevermögen, um sich mit Büchern zu beschäftigen.

Mit seinem Youtube-Kanal möchte Sommer deshalb junge Menschen ansprechen, Digital Natives, die zum Internet einen intuitiven Zugang hätten. „Die Vermittlungsarbeit passt sich den neuen Gewohnheiten an. Ich versuche, auf unterhaltsame, spielerische Weise zu zeigen, dass Literatur auch für uns heute spannend ist. Ich behaupte im Internet so etwas wie einen kleinen Spielplatz der Literatur.“ Deshalb übrigens auch die Playmobil-Figuren: Mit ihnen hätten die meisten Menschen eine positive emotionale Verbindung.

Die Möglichkeiten, Literatur über das Internet an den Nachwuchs zu bringen, seien bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. „Wir entdecken sie erst ganz langsam“, meint Sommer, der in Freiburg und Oxford Literaturwissenschaft studierte und heute in München lebt. Seit Kurzem bietet er einmal im Monat auch eine Livesendung mit Themen rund ums Lesen und das Verstehen von Büchern an.

Allerdings: ein Zehnminutenvideo ersetzt das Bücherlesen natürlich nicht. Auch darauf weist der Autor hin. „Was ich nicht kann, ist die sprachliche Schönheit von Literatur nachempfindbar zu machen.“ Deshalb böten sich Lyrik und moderne Romane überhaupt nicht an, in denen es eine Vielzahl von Handlungssträngen gibt und „in denen die epische Breite, die Textur zählt; der Geschmack, die Atmosphäre, der Geruch.“

Leseclubs für Kinder in digitalen Zeiten

Das oft totgesagte Buch behalte trotz Internet seinen Reiz: „Man begibt sich in eine andere Welt, in eine andere Zeit, man hat einen Freiraum.“ Dieses Erlebnis könne man nur beim Lesen haben, betont Sommer. Seine Videos sieht er eher als Imagefilme, als Werbung für das Buch. „Lesen verbindet Menschen. Es schafft eine gemeinsame Basis für Wertmaßstäbe, für unser Denken. Wenn man in der Kindheit nicht erfährt, was Bücher Gutes tun können, dann hat man es ein ganzes Leben lang schwer.“

Dass Sommer dem ein oder anderen Schüler einen Teil der Vorbereitung für die Abiklausur abnimmt, sei gar nicht so bedeutend. „Diese Schüler hat es zu allen Zeiten gegeben, die absolut keinen Bock darauf haben, ein Buch in die Hand zu nehmen.“ Wichtiger sei es, die Leute neugierig zu machen und den ein oder anderen zu bewegen, selbst noch einmal nachzulesen.

Es scheint, als sei das Interesse manchmal tatsächlich entfacht worden. Zumindest lassen das die Kommentare unter den Videos vermuten – auch bei Goethes „Faust“. Da fragt ein User: „Is Gretchen nun ne Bitch, oder nicht? Unser Deutschlehrer hat es damals leider nicht mehr geschafft, das noch mit uns zu klären!“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare