Eine Frage des Klimas

Kommentar: Zunehmende Gewalt gegen Helfer

Von dicken Brettern spricht man gemeinhin bei Problemen, die derart vielschichtig sind, dass kurzfristige Lösungen nicht zur Verfügung stehen. Beim Phänomen der gewalttätigen Übergriffe, denen sich speziell Helfer bei Rettungsdiensten und Feuerwehr ausgesetzt sehen, handelt es sich um ein solches „dickes Brett“. Von Michael Eschenauer

Was ist zu tun? Schärfere Strafen werden, wenn überhaupt, allenfalls auf längere Sicht einen Effekt haben. Die notorischen Schläger wägen in ihrem Furor, angetrieben von Alkohol oder Grund-Aggressivität, kaum ab, ob sie angesichts einer neuen Rechtslage besser die Faust in der Tasche ballen. Um solche Leute einigermaßen in Zaum zu halten, mag über die Jahre eine Beschleunigung der Strafverfahren helfen. Wer nach eineinhalb Jahren ein paar Sozialstunden kassiert, wird sich bei nächster Gelegenheit kaum bremsen. Setzt es eine Freiheitsstrafe, möglichst in geringem zeitlichen Abstand zur Tat, mag das wirken. Da wären allerdings zunächst die überlasteten Gerichte in die Lage zu versetzen, schnell reagieren zu können.

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Immer mehr Gewalt gegen Rettungskräfte

Bei einem erklecklichen Anteil der Angreifer handelt es sich – so die Erfahrung von Praktikern – allerdings um ansonsten unauffällige Zeitgenossen, die sich im Augenblick ihrer Tat nicht im Unrecht wähnen. Genau das Gegenteil ist der Fall: Sie glauben, durch die Tätigkeit der Notdienste in ihren Rechten verletzt zu werden, und fordern diese handfest ein. „Dieser Rettungswagen blockiert meine Straße und behindert mich!“ „Diese Sanitäterin zwingt mich dadurch, dass sie vor einem Verletzten kniet, zu Umwegen. Was für eine Frechheit!“ „Diese Rotkreuz-Typen sind total unfähig. Die muss man mal richtig anbrüllen, damit sie aufwachen!“ Da wird das Eigeninteresse zum Maßstab, der andere zählt nicht. Wer sich im Recht wähnt, fürchtet kein Gericht.

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Gewalt gegen diejenigen, die Gutes tun, ist für die meisten unverständlich, ja geradezu pervers. Das ist gut so. Trotzdem deuten die Übergriffe auf einen Zustand der Gesellschaft, der mit Fragmentisierung und Ellbogenmentalität unvollständig umschrieben ist. Die Tatsache, dass die Lebenswirklichkeit vieler Menschen verglichen mit früher härter geworden ist, dass der Einzelkämpfertypus ihr Ideal darstellt, schimmert auf vielen Gebieten durch – auch auf diesem. Kampagnen, mit denen die wichtige Rolle der Helfer wieder ins Bewusstsein gerückt wird, sind wichtig. Das Gleiche gilt für Strafen. Wichtiger wäre es, allgemein für milderes Klima zu sorgen. Und das ist ein wirklich dickes Brett.

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