Geduldsprobe Staufalle

Ob wir unterwegs sind in Richtung Ostsee oder in das Allgäu wollen  - eins ist sicher: Irgendwann stehen wir im Stau! Alles schleicht, die Ungeduld wächst, kostspieliger Sprit wird sinnlos zum Auspuff heraus geblasen. Hauptursache: eine Baustelle! Von Peter Schulte-Holtey

Immer mehr sind fest davon überzeugt: Kein Land der Erde kann sich rühmen, mehr Autobahn-Baustellen zu betreiben als die Bundesrepublik.

Dass Autofahrer in unserem Land derzeit auf eine harte Probe gestellt werden, macht auch ein Blick auf die aktuellen Zahlen deutlich. Nach Angaben der Bundesregierung sind während der Sommerferien auf den Autobahnen rund 400 Baustellen mit mindestens acht Tagen Dauer geplant. Das Schlangestehen nimmt inzwischen gigantische Ausmaße an: Allein zwischen April 2007 und März 2008 wurden in Deutschland 104 251 Staus gezählt. „Diese hatten aufaddiert eine Gesamtdauer von 180 000 Stunden“, so die Regierung. Untersuchungen hätten ergeben, dass sich die Stauursachen je zu einem Drittel auf zu hohes Verkehrsaufkommen, Unfälle und Baustellen aufteilen. In Ballungszentren sei überhöhtes Verkehrsaufkommen Ursache für jeden zweiten Stau.

Wird derzeit besonders viel auf den Autobahnen gebaut?

Anfang Juli registrierte der Autoclub ACE mit 2018 Kilometern die höchste Baudichte, die es unter anderem wegen Fahrbahn erneuerungen auf Autobahnen in Deutschland jemals gab. Denn: Die Finanzspritzen aus den Konjunkturprogrammen müssen ausgegeben werden. Die Gelder fließen jedoch vor allem in - zweifellos auch wichtige - Ausbesserungsarbeiten und weniger in die aus Sicht von Autoclubs dringend notwendigen Erweiterungsmaßnahmen.

Wird an den Baustellen schnell genug gearbeitet?

ADAC-Sprecher Alfred Hölzel bestätigt, dass an vielen Stellen häufig keine Bautätigkeit zu erkennen sei. Und Patrick Döring, Verkehrsexperte der FDP-Bundestagsfraktion, bezeichnet es als Skandal, dass die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit auf Autobahn-Baustellen bei nur 55 Stunden liege, also bei etwa einem Drittel der zur Verfügung stehenden Zeit (168 Stunden). Döring verweist ebenso wie das Bundesverkehrsministerium auf die Zuständigkeit der Länderbehörden. Die Durchschnittszeit von 55 Stunden beziehe sich ohnehin aufs gesamte Jahr, argumentiert das Ministerium. „Naturgemäß wird im Winter deutlich weniger gearbeitet an Autobahnbaustellen, weil viele Arbeiten bei Kälte, Frost und Nässe nicht durchgeführt werden können und der Zeitraum der Tageshelligkeit ja deutlich kürzer ist.“ Außerdem seien Feiertage eingerechnet. Die Arbeitszeit im Sommer liege damit „deutlich über 55 Stunden“. ADAC-Sprecher Hölzel mahnt: „Wichtig wäre, nicht nur die Baukosten zu betrachten, sondern auch eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung aufzumachen, da Staus bekanntermaßen Kosten verursachen.“ Er fordert eine schnelle Fertigstellung der Bauarbeiten, Ausnutzung des Tageslichts, Samstagsarbeit, auf kritischen Strecken auch 24-Stunden-Betrieb. „Die Länder müssen knappe und realistische Bauzeiten bei der Vergabe des Bauauftrags vorgeben“, meint Hölzel.

Kann der Verkehrsfluss nicht besser gesteuert werden?

Mini-Vorbilder

Ameisenstraßen kennen keine Staus: Physiker Professor Andreas Schadschneider von der Universität Köln führt dieses Phänomen laut AvD auf folgende Tatsache zurück. Die Insekten überholen nicht und schnellere Tiere passen ihre Geschwindigkeit dem Vordermann an. So ergeben sich gleichmäßige Durchschnittsgeschwindigkeiten.

Laut Bundesregierung sind inzwischen an 1 300 Autobahn-Kilometern „Strecken-Beeinflussungs-Anlagen“ zur Harmonisierung des Verkehrsablaufs installiert worden, die die Geschwindigkeit beschränken und vor Gefahren warnen. 2 500 Kilometer Autobahnstrecke könnten mittels dynamischer „Netzbeeinflussungsanlagen“ gesteuert werden. In diesen Fällen seien Umleitungen auf weniger stark befahrene Routen möglich. Auf 210 Kilometern Strecke bestehe die Möglichkeit, in Verkehrsspitzenzeiten den Seitenstreifen zur vorübergehenden Nutzung freizugeben.

TIPPS FÜR STAUGEPLAGTE gibt Alfred Fuhr vom Institut für Verkehrssoziologie beim Allgemeinen Verkehrsclub von Deutschland (AvD) in Frankfurt:

Warum gibt es vor allem in Baustellen schwere Unfälle? Wie kann man die Gefahr erkennen?

Baustellen sind psychologische Hemmnisse, da nur wenige Autofahrer einsehen, dass die Straßen bei laufendem Betrieb erneuert werden müssen und die Baustellen eben dem Erhalt des Gesamtsystemes dienen und die Mittel für die Infrastruktur nicht den Anforderungen entsprechend sind. Baustellen sind oft Prüfsteine für die Fitness und das Verkehrsklima auf Deutschlands Straßen, denn: Wer auf seiner Tour in den Urlaub gut vorbereitet ist, genügend Zeitpuffer bei der Urlaubsreise mit eingeplant hat und fit und ausgeruht aufbricht, dem werden auch die Baustellen nicht den letzten Nerv rauben können. Leider wird in Baustellen vor allem von Männern die Angst vor dem Fahren auf den verengten Fahrstreifen durch schnelleres Fahren zu kompensieren versucht, so dass es in Baustellen immer wieder aufgrund dieses Fluchtverhaltens zu schweren Unfällen kommt, die dann wiederum zu langen Staus führen.

Soll man Stauwarnungen im Radio vertrauen?

Nein, denn leider ist die Aktualität der Staumeldungen in Deutschland wenig verlässlich. Jede dritte Staumeldung erweist sich bei näherem Hinsehen als falsch oder einfach überholt. Auch die Navigationssysteme können nicht wirklich verlässlich Staus melden. Dies liegt daran, dass es noch zu wenig Stau sensoren auf den Straßen gibt, die Qualität der Daten schlecht ist und dass die Zeit, die zwischen der Stauermittlung, Überprüfung und der Stauwarnung liegt, immer noch zu lange dauert. Bei den Rundfunkmeldungen vergeht bis zu einer halben Stunde, bevor sie gesendet werden, da kann sich die Verkehrssituation verschlimmert oder der Stau bereits aufgelöst sein. Hier helfen auch Staupiloten nur wenig, da diese oft die Länge eines Staus nicht einschätzen können oder eben ein aufgelöster Stau leider nicht von Autofahrern gemeldet wird, weil es ihnen schon nicht mehr gibt. Hinzu kommt, dass bei hoher Verkehrsdichte es zum Phänomen des Staus aus dem Nichts kommt, hier führen starke Tempoverminderungen oder das Trödeln einiger Verkehrsteilnehmer zu kurzen Staus, die scheinbar ohne Grund, ohne sichtbare Ursache auftreten und sich genauso unerwartet wieder auflösen.

Ist es sinnvoll, bei einem Stau von der Autobahn abzufahren?

Das ist davon abhängig, mit welcher Motivation die Betroffenen das tun: Um Zeit zu sparen? Dann wäre das ein Trugschluss, denn die Bundes- und Landstraßen sind sehr schnell bei einem Stau überfüllt, die Restaurants direkt an der Straße auch, so dass sich das Abfahren nur dann lohnt, wenn man eine längere Pause machen möchte und nicht in einen Stau hineinfahren will, oder einen möglichst weiten Umweg zum Ziel einkalkuliert hat. Schneller ist man aber nicht, so dass es sich ansonsten empfiehlt, auf der Autobahn zu bleiben und den Stau abzuwarten, um danach deutlich schneller als die anderen wieder voranzukommen, die abgefahren sind.

Darf man im Stau das Auto verlassen?

Bei sehr großer Hitze oder bei einem sehr langen Stau ist es erlaubt und angeraten, sich hinter der Leitplanke aufzuhalten, möglichst in Sichtweite auf den Stau und dort im Schatten Abkühlung zu suchen. Es kann aber immer passieren, dass sich der Stau unerwartet und schneller auflöst, so dass nicht zu empfehlen ist, sich weit vom Fahrzeug zu entfernen.

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