Staufallen lassen sich entschärfen

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Stau-Experte Thilo Jourdan

Offenbach - Staus sind vermeidbar! Das meint Thilo Jourdan, Leiter des Bereichs Straßenverkehrstechnik bei Siemens. Auszüge aus einem Interview mit ihm im „Münchner Merkur“:

Langsamer können mehr Autos auf der Straße fahren?

Ja, die Kapazität erhöht sich, weil langsam fließender Verkehr dichter ist. Wenn Sie mich als Techniker fragen und nicht als Autofahrer: 80 km/h sind besser als 150. 

Der Autofahrer Thilo Jourdan sieht das anders?

Der fährt ab und zu gern auch mal etwas schneller. (lacht)

Wie lässt sich die Kapazität einer Straße ohne Ausbau erhöhen?

Zum Beispiel, indem man zu Stoßzeiten den Standstreifen freigibt.

Was passiert im Hintergrund in der Verkehrsleitzentrale?

Erstmal muss überprüft werden, ob der Standstreifen frei ist. Das funktioniert mit intelligenten Kameras, die Alarm schlagen, wenn ein Auto, Mensch oder Gegenstand auf dem Standstreifen steht. Wenn der Standstreifen frei ist und als zusätzliche Spur freigegeben wird, reduzieren wir automatisch die erlaubte Geschwindigkeit. Das erhöht die Sicherheit und steigert zusätzlich die Kapazität der Strecke.

Woher stammen die Daten, auf deren Grundlage die Entscheidungen in der Verkehrsleitzentrale getroffen werden?

Wir haben Kameras zum Beispiel an Mautmasten und Brücken, aber auch Sensorik im Boden der Fahrbahn, die uns Daten liefert, wie dicht der Verkehr auf einer Strecke gerade fließt. Damit stellen wir auch fest, ob hauptsächlich Autos oder viele Lastwagen unterwegs sind.

Lohnt sich teure Technik?

Klar. Weniger Staus sind nicht nur gut für die Umwelt, sondern erhöhen auch die Sicherheit. Die Zahl der Unfälle sinkt um 15 bis 20 Prozent. Der CO2-Ausstoß liegt auf Strecken mit Verkehrsleittechnik sogar um 30 bis 50 Prozent niedriger, weil der Verkehr regelmäßiger fließt und kein ständiges Stop-and-Go herrscht.

Was lässt sich verbessern?

Vor allem die Kommunikation zwischen der Infrastruktur und den Autos, aber auch der Autos untereinander. Schon heute bekommen einige Fahrer aktuelle Verkehrsdaten per Navigationsgerät ins Auto, doch das läuft meist über eigene Zentralen der Hersteller. Wenn sich dieses System verbessern lässt, könnte man die Zahl der Staus weiter reduzieren.

Gibt es irgendwann gar keine Staus mehr?

Beim autonomen Fahren würde ein Computer automatisch die richtige Geschwindigkeit einstellen, so dass der Verkehr in einer einzigen Kolonne wie in Science-Fiction-Filmen fließt. Dann gäbe es wohl fast keine Staus mehr.

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