Komatös im Kopf von Fremden

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Da sitzt er noch hinter Gittern: Jericho, der Erzfeind von Detectiv Tanner. Als die Flucht jedoch beginnt ist dieser wieder gefragt und die Geschichte von „Driver - San Francisco“ gewinnt an Fahrt.

Detektiv John Tanner hat keinen guten Tag. Erst liefert er sich mit dem entflohenen Gangsterboss Jericho eine spektakuläre Verfolgungsjagd, dann wird er in einen Unfall verwickelt und plötzlich ist er in der Lage in fremde Körper zu springen. Abgedreht? Vielleicht – aber gut! Von Jan Schmitt

Direkt zu Beginn wird Tanner vom Jäger zum Gejagten. Die Folgen sind dramatisch, allerdings brauchte man wohl einen halbwegs vernünftigen Grund um das Shiften zu erklären.

Schnell wird durch Stimmen aus der eintretenden Dunkelheit klar: Tanner ist nahe dran zu sterben und fällt ins Koma. Wie sich das für einen knallharten Detektiv gehört, gibt er jedoch nicht Ruhe und versucht weiterhin den entflohenen Erzfeind aufzuspüren – zumindest in seiner Version der Realität. Während der Spieler schnell dahinter kommt, dass sich die Erlebnisse des Spiels nur im Kopf Tanners abspielen, braucht dieser eine Weile. So teilen ihm Werbetafeln mysteriöse Botschaften mit und er lernt nach und nach sich in die Köpfe anderer Fahrer zu versetzen. Das sogenannte „shiften“ ist es auch, dass endlich neuen Wind in die immer gleichen Abläufe von Rennspielen bringt.
Man muss sich das so vorstellen: Tanner nimmt an einem Rennen teil und ist sichtlich unterlegen. Der Wagen ist zu langsam, die Konkurrenten fahren besser durch die engen Kurven und der Verkehr in der Stadt scheint ihm auch nicht wohlgesonnen zu sein. Also springt er per Knopfdruck in die Vogelperspektive und sucht sich einen geeigneten Wagen in Nähe der Konkurrenten. Werte wie Geschwindigkeit und Handling werden dabei eingeblendet, das Spiel läuft in Zeitlupe weiter. Ist ein geeignetes Vehikel gefunden, so befördert ein weiterer Knopfdruck Tanner ans Steuer des ausgewählten Wagens. Nun kann er die Gegner flankieren oder aus dem Gegenverkehr einen Frontalcrash verursachen. Ein kurzer Sprung zurück und der „Original-Tanner“ tuckert gemächlich an den aufgehaltenen Widersachern vorbei. Der Schwierigkeitsgrad schwankt - aber die Mechanik macht Spaß.

Sprünge, Drifts und waghalsige Aktionen

In der Regel lässt sich die Perspektive auf Knopfdruck verstellen. Manche Missionen zwingen den Spieler jedoch ins Cockpit um so beispielsweise ein Gefühl der Beengung zu erzeugen. Oft nervt das jedoch nur.

Ist eine gewisse Anzahl an Stadtmissionen erledigt, so schalten sich automatisch weitere Teile der Stadt frei und die Hauptgeschichte lässt sich weiterspielen. Traumwelt und Realität verschwimmen dabei ab und an und offenbaren weitere Hindernisse – eine komplett stillstehende Stadt beispielsweise. Doch auch abseits der großen und kleinen Missionen lohnt sich eine Fahrt durch die Stadt.
An ein bestimmtes Auto ist man zwar selten gebunden, allerdings schaltet man durch zurückgelegte Kilometer, Sprünge, Drifts und waghalsige Aktionen, sowie natürlich den Aufträgen, Willenskraftpunkte frei, die sich in neue Wagen investieren lassen. Viel zu entdecken gibt es ebenso. Zwar wurde die Stadt nicht hundertprozentig originalgetreu nachgebaut, für Fahrten über die berühmte Golden-Gate-Bridge reicht es aber immer noch.

Was fehlt - und was eher mittelmäßig ist

Was fehlt sind eher Kleinigkeiten. Die berühmten Cable-Cars beispielsweise. Wo sind die Straßenbahnen? Bereits im ersten „Driver“ von 1999 war es möglich sich von den wuchtigen Bahnen durch den Verkehr schieben zu lassen – meistens hasste man sie allerdings, weil sie einfach ein unüberwindliches Hindernis darstellten. Auch fehlt es ein wenig an grafischer Qualität. Wer einmal langsamer durch die Straßen rollt, entdeckt Pixelbrei und Polygonmatsch. Umso tragischer, dass jede kleine Zwischensequenz da noch mit einer kurzen Ladezeit daherkommt. Auch die Sprecher der Nebencharaktere sind eher laienhaft – im starken Gegensatz zu den hochwertigen Synchronsprechern der Hauptcharaktere.

Immer wieder gerät man, wie in der Serie üblich, mit der Polizei aneinander. Spektakuläre Verfolgungsjagden sind die Folge. Wer möchte kann das ganze aufnehmen und zu einem kleinen Film verarbeiten.

Wirklich gelungen ist – wie in der Reihe üblich – der abwechslungsreiche Soundtrack, der mit zahlreichen Stücken verschiedener Genres daherkommt. Auch die Steuerung der Wagen kommt arcadelastig aber nicht zu einfach daher. Unfälle werden regelmäßig gebaut, das Schadensmodell sieht zudem sehr gut aus, hat jedoch kaum Wirkung auf die Fahreigenschaften. Durch das stete „shiften“ fällt der kleine Schaden-Balken aber sowieso kaum auf. Lustig wird es auch im Mehrspielermodus, der begrenztes „shiften“ erlaubt und somit rasante Platzierungsjagden nahezu herausfordert. Wer möchte, kann allerdings auch konventionelle Rennen fahren.

Fazit zu Driver - San Francisco

Sicher, die Koma-Story ist weder sonderlich logisch, noch sonderlich spannend, allerdings macht „Driver – San Francisco“ viele andere Dinge richtig. Die Inszenierung ist klasse, das neue Shift-Feature macht Spaß, die Wagen steuern sich gut und unterscheiden sich untereinander sichtlich. Wer also auf unterhaltsame Rennspiele mit großer Stadt und interessantem Mehrspielermodus steht, der wird hier glücklich.

Driver - San Francisco ´

Ab 6 Jahren Erhältlich für: PC, PS3, 360

Homepage

Eben jene Spielmechanik kommt in fast jeder Mission zum Einsatz und stellt eine grandiose Möglichkeit für Abwechslung dar. Mal muss ein Wagen vor anrückenden Feinden beschützt, mal eine Flucht verhindert oder ein einzelner Wagen ausgetrickst werden. Besonders bei Missionen mit vielen verschiedenen Kontrahenten ist somit ein Gespür für Taktik unerlässlich. Prioritäten müssen gesetzt, Geschwindigkeiten eingeschätzt und Fahrrouten erahnt werden. Jede Mission (neben den zahlreichen Stadtmissionen locken auch einige kurze Nebenaufgaben) variiert dadurch jedoch im Schwierigkeitsgrad. Profis dürften in einer Mission hoffnungslos unterfordert sein, in der nächsten aber ins Gamepad beißen. Wirklich Frust kommt jedoch selten auf.

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