Experten streiten über CO2-Ausstoß beim Internetsurfen

Killt das Netz das Klima?

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Experten streiten über CO2-Ausstoß beim Internetsurfen.

Schlechtes Gewissen beim Surfen? Kaum ein Internetnutzer dürfte bislang ein mulmiges Gefühl beim Klick auf Google und Co. bekommen haben. Dabei wäre genau das angebracht.

Denn das Internet frisst zu viel Strom – und wird damit zunehmend zum Umweltproblem. An anschaulichen Vergleichen fehlt es nicht: Der durch das Internet verursachte CO2-Ausstoß sei so groß wie der durch den Flugverkehr, verkündete bereits vor zwei Jahren das Freiburger Öko-Institut.

Zahlreiche Medien übernahmen diesen Vergleich und schrieben zudem, dass 20 Atomkraftwerke vonnöten seien, um weltweit den Strom für das Netz zu produzieren. Ist das Internet also der wahre Klimakiller?

Fakt ist: Jeder Computer und jeder Server benötigt Energie – und damit auch jeder Seitenaufruf im Netz. Der Strom, der für eine Suchanfrage bei Google benötigt wird, entspricht laut des Firmenblogs einem CO2-Ausstoß von 200 Milligramm. Tausend Suchanfragen wären demnach so klimaschädlich wie eine Autofahrt von einem Kilometer.

Laut der Marktforschungsfirma Comsore wurden allein in den USA im April dieses Jahres 9,5 Milliarden Google-Suchanfragen gestellt. Glaubt man den Berechnungen, entspräche dies der CO2-Bilanz von 237 Erdumrundungen mit dem Auto. In Deutschland macht das Internet etwa zwei Prozent des Gesamtstromverbrauchs aus, sagt das Umweltbundesministerium.

Eine Größenordnung, der sich auch der IT-Branchenverband Bitkom anschließt. In einer Bitkom-Studie von 2008 wird der Gesamtverbrauch von Servern und Rechenzentren in Deutschland mit 10,1 Terawattstunden angegeben – etwa 1,8 Prozent des jährlichen Strombedarfs.

Zahlen, die nach Ansicht von Wissenschaftlern allerdings nur schwer zu belegen sind. „Ich wäre mit Zahlen sehr zurückhaltend“, sagt Dr. Lutz Stobbe vom Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration. Er hat den Stromverbrauch der gesamten Informations- und Telekommunikationstechnologie (IKT) in Deutschland untersucht und ist dabei immer wieder auf ein Problem gestoßen.

Wie lange jemand im Internet surft, und wie viel Energie er dabei verbraucht, sei nur schwer zu ermitteln, sagt Stobbe. In die 4,7 Prozent des Gesamtstromverbrauchs, die Stobbe für PC und Rechenzentren in Deutschland errechnet hat, fließt deshalb alles mit ein. Also auch, wenn jemand den Computer zum Musikabspielen nutzt, ohne ins Internet zu gehen.

Auch die Zahlen zu einer Google-Suchanfrage bewertet Stobbe zurückhaltend: Der wirkliche Verbrauch sei Firmengeheimnis, da dies Rückschlüsse auf den Ablauf der Suchanfragen zulasse. Ohnehin stellt sich die Frage, ob sich überhaupt eine Kosten-Nutzen-Rechnung für das Netz aufmachen lässt.

Während der Klick auf das Musikvideo bei Youtube die Ökobilanz belastet, wird eine Konferenz per Videostream vermutlich Energie einsparen, weil die Teilnehmer nicht mehr an einen Ort gebracht werden müssen. Und wer bedenkt, dass bei der Produktion eines Blattes Papier mehrere Liter Wasser benötigt werden, der schreibt vielleicht doch lieber eine E-Mail. Je nach Standpunkt kann so aus dem Klimakiller auch ein Klimaschützer werden.

Von Frerk Schenker

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